Montag, 24. August 2009

Selbstinterpretation

Ich neige ja dazu, Ausschreibungen von Wettbewerben oder Anthologien zu vergessen oder zu ignorieren. Das Jahrbuch und die Anthologien von Axel Kutsch jedoch mussten bzw. müssen "beliefert" werden. So schickte ich Axel Kutsch auch für seine Deutschland-Anthologie (hier klicken) einen Text mit den gewünschten ca. zwanzig erläuternden-erzählenden Zeichen. Natürlich schreibe ich keine politische Lyrik, und natürlich passte dieses Gedicht gar nicht in die Anthologie, aber der Versuch ist ja nicht strafbar. Beim Erstellen einer Sicherungskopie fiel mir das Ganze wieder in die Hände. Hier das Gedicht (das ich schonmal in drei Versionen gepostet habe) plus Selbstinterpretation inklusive knapper, poetologischer Anmerkungen (mit herzlichen Grüßen an Claudia Gabler und Theo Breuer!):


Im Herbst, bei Föhn oder Inversion,
fährt er auf die höchsten Gipfel
des Schwarzwalds oder der Alb
und zeigt anderen die Gipfel der Alpen.
Zauberformeln diese Namen;
im Osten Zugspitze, Säntis,
Schesaplana, Churfirsten, Tödi.
Im Süden Wetter- und Schreckhorn,
die Fiescherhörner, Eiger, Mönch, Jungfrau,
Balmhorn, Altels, Diablerets.
Und dieser Halbschuh dort rechts
der Montblanc;
stellen Sie sich vor,
dort ist Italien!
Über Basel steigt
ein Flugzeug auf.



Mit etwas Glück hat man von den höchsten Buckeln Südwestdeutschlands aus eine phantastische Alpensicht. So sind denn auch im Herbst und Winter tausende und abertausende Ausflügler unterwegs zum Feldberg oder zum Mummelsee. Mit dem Auto wohlgemerkt fährt man zu diesen typisch deutschen Orten in der typisch deutschen Landschaft, dem Schwarzwald. Dieses Gedicht spiegelt ein Thema wieder, das mich immer wieder umtreibt: Das Verhältnis zur Restnatur. Auf der einen Seite das spektakuläre Naturerlebenwollen, auf der anderen Seite fährt man geschützt und wohltemperiert im Auto.
Die Statik des Panoramas, die Stille, die dort oben herrschen kann, wird durch die Erklärung des lyrischen Ichs und die präzise Benennung der Berge konterkariert, das Flugzeug, das über Basel aufsteigt, zieht buchstäblich einen zivilisatorischen Strich durch das Bild.
Typische, tief verwurzelte deutsche Sehnsüchte und Seh-Süchte spiegeln sich in dem Gedicht. Die Alpen- und die Italiensehnsucht. Ganz in der Ferne, gerade noch erkennbar, nämlich am Ostgipfel des Montblanc, dort ist Italien. Und dann steigt auch noch dieses Flugzeug auf und fliegt in eine nicht benannte Ferne. Die "Zauberformeln" der Namen verweisen auf die sprachliche Ebene, auf das Urtümliche der Bergnamen (wer weiß schon, was Schesaplana oder Tödi bedeuten?), das Nicht-Benennbare, das es mit Formeln und Namen zu bannen gilt, wie beispielsweise in den frühesten Zeugnissen der deutschsprachigen Literatur. Beim Zeigen der Gipfel bleibt es übrigens auch nicht: Wie bei einem Lichtbildervortrag bekommt der Zuschauer von einem Referenten erklärt, was er sehen soll. Last, but not least, ist es für einen Dichter eine Herausforderung, Klischees wie Postkartenmotive in einem Gedicht "unterzubringen", hier etwa Eiger, Mönch und Jungfrau.

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