Freitag, 11. September 2009

Gedicht des Tages - Werner Dürrson

Viele seiner Gedichte waren federleicht, dabei beherrschte er den Kanon der Formen wie kaum ein zweiter Dichter der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. 2006, an Ostern, entstand ein solches federleichtes Gedicht, und ich freue mich sehr, dass mir die Erben dieses zur Erstveröffentlichung überlassen haben. Werner Dürrson würde morgen, am 12. September, seinen 77. Geburtstag feiern. Er starb im vergangenen Jahr am 17. April. Vielen Dank, liebe Angelika Eichhorn.



Unter Bäumen


Tröstlich die Fichten.
In ihrem Lidschatten zu
ichten, zu dichten

/

Anders die Buchen
blaudurchleuchteter Wald: wie
da Wörter suchen –

/

Im Park die Eiben
lassen mir Zeit, Verse um-
und umzuschreiben

/

Unter der Eiche
ein Gedankenblitz, den ich
fasse, dann streiche

/

Die echten Tannen
windverschwistert, schicken mich
schweigsam von dannen

/

Unter den Linden:
wie bei soviel Blätterschwall
noch Worte finden –

/

Am Fluß die Erlen
ließen zu guter Stunde
die Zeilen perlen

/

Holunder im Mai:
Zur Stunde des Strauchelns ein
Verszeilenwunder

/

Am Apfelbaum kaum,
auch am Birn-, am Kirschbaum nicht
gedeiht mein Gedicht

/

Schrieb A-Horn, B-Horn,
C-Horn, suchte nach Deinem,
triebs wieder von vorn

/

Daß ich die Weide
meide, wen wunderts, wenn ich
ohne sie leide –

/

Höre mich, Föhre:
Als harzige Kiefer reimt
sich`s tiefer, schiefer

/

Ach der Wacholder!
Stichhaltiges Wort macht das
Haiku nicht holder

/

Jaja, die Espe
alias Zwitterpappel,
mir fremd, die Lesbe

/

Frankreichs Platanen
wie´s im Herbst ihre Blätter
treiben, beschreiben

/

Sterbende Ulme,
wie fang ich dich auf mit wurm-
stichigen Silben –

/

Tut mir leid, lichte
Birke, wenn ich für dich kein
Dunkel bewirke

/

Was soll mir, kühle
Akazie, sag, deine
Pseudo-Grazie

/

Am Bach, ihr Eschen
Wolframs. Vielblättrig auch ich.
Wortdreschen im Wind.

/

Lärche, verballhornt
meinem Tirili lausche,
genannt Poesie

/

Nicht jeder Zeder
entlocke ich Daktylen
(eigentlich keiner)

/

Doch Roms Pinien-
hochmut ließ mich (vorüber-
gehend) verstummen

/

Unvergessen vor
Arles das Windharfenspiel van
Goghscher Zypressen



Website Werner Dürrson
Weiteres Gedicht des Tages - Werner Dürrson

1 Kommentar:

prufrock hat gesagt…

Auf Werner Dürrsons lichte und lichtsatte Gedichte also, auf sein federleichtes, sein schwingendes und beschwingtes, zum (hin-)hören auch zwingendes – besser: zum lauschen – Schaffen, das lange noch nachhallt im Leser und Echos hervorruft. Auch, und vor allem heute, auf seinen Siebenundsiebzigsten. Ad multos annos hätte man gern noch hinzugefügt.
Ein Hinweis jedenfalls sei gestattet, auf Ulrich Keichers Warmbronner Verlagsscheune, wo zwischen Birken und Buchs, zwischen Christian Wagner und Ilse Aichinger, zwischen Hermann Lenz und Rainer Brambach (immer heiter im Garten auch er), Matthias Politycki, Hannelies Taschau und Olaf Velte (ein Gruß in den Taunus, zu den Schafen) eben auch Werner Dürrson ein Zuhause gefunden hat.
„Unter Bäumen“ also, aufs beste beschattet und lyrisch beschallt, kommt – via Philip Larkin – „immediately the thought of high windows“. Nein, aber Michael Krüger ist da (Nachts, unter Bäumen), Michael Hamburger ohnehin (auch zweisprachig, dank Peter Waterhouse: Baumgedichte, Bozen und Wien, Folio, 1995) und auch – wer es mag (vielleicht doch eher etwas für den Fahrstuhl) – „Tie a yellow ribbon round the ole oak tree“ (Tony Orlando & Dawn, oder Perry Como), Stravinsky ist präsent (Dumbarton Oaks) und – gut vier Dekaden später – Alexandra sogar („Nein“, schrieb Politycki im Jänner 2004, „zu Alexandra schweig ich mich aus.“), zudem Ottorino Respighi, wenngleich Dürrson himself ob der hochmütigen Pinien zu verstummen beliebt, schließlich abertausend andere noch und anderes, etwa – apropos Haiku – Matsu Bashô, von dem nicht siebensiebzig, aber hunderundelf Haiku soeben als fünfter Band von Ammanns Kleiner Bibliothek herausgekommen sind. Zuletzt noch, obgleich der Winter im späten Sommer, ganz wie der Schnee, fern scheint, Frost:

Dust of snow

The way a crow
Shook down on me
The dust of snow
From a hemlock tree
Has given my heart
A change of mood
And saved some part
Of a day I had rued.

- Robert Frost