Freitag, 18. September 2009

Gute Lyrik - schlechte Lyrik: Ein neuer Sturm im Wasserglas

Stefan Mesch hat mir in einer netten Email-Korrespondenz glaubhaft versichert, dass es ihm nicht um eine Retourkutsche ging, dass er keine beleidigte Leberwurst sei. Nein, vielmehr ging es ihm um die Leserfreundlichkeit, die Nutzerfreundlichkeit der Website des Poetenladens. Nun, wir alle kochen nur mit Wasser, meine vorzügliche Webdesignerin, die meine Homepage www.matthias-kehle.de pflegt, flucht regelmäßig über das Chaos meines Blogs. Damit ist für mich diese Debatte erledigt.
Interessant ist vielmehr eine neue Debatte um gute und schlechte Lyrik, die Gerrit Wustmann in der Neuen Rheinischen Zeitung (hier klicken!) begonnen hat.
Diesmal trifft's die Bellatriste und die Autoren unverständlicher Lyrik:
Er schreibt unter anderem:
"Ich meine damit eine Lyrik, die sich so sehr um sich selbst zu drehen scheint wie die Debatten. Ich meine damit nicht Stolterfohts unverständliche Lyrik. Unverständliche Lyrik lese ich ebenso gern wie unmissverständliche Lyrik. Was ich meine, ohne Autorennamen zu nennen, denen ich subjektiv Unrecht tun könnte, die belanglose, die beliebige Lyrik, in der, so kommt es mir vor, immer wieder die selben Motive in nur scheinbar origineller sprachlicher Ausführung auftauchen, wohinter sich aber bei mehrmaligem Lesen rein gar nichts verbirgt. Diese austauschbare Lyrik, diese schlechte Lyrik. Ein Kunde bei Amazon machte bei einem Lyrikband von Houellebecq mal das Experiment, dass er Verse aus drei oder vier unterschiedlichen Gedichten zu einem neuen zusammenfügte. Bei der Lyrik, von der ich spreche und die ich ärgerlich finde, je öfter sie mir begegnet, funktioniert das auch: Man kann sie demontieren, willkürlich neu arrangieren, und keiner würde was merken, mitunter vermutlich nichtmal die Autoren selbst. Das geht aber eben nur mit schlechter Lyrik, denn gute ist nicht austauschbar. Ein gutes, ein wirklich gutes Gedicht ist eine Einheit, variierbar vielleicht, optimierbar vielleicht, aber wenn man ein Element entfernt, dann bricht es in sich zusammen."

Ich würde mir wünschen, dass es zu den Gedichten des Tages, die ich regelmäßig publiziere, eine Debatte gäbe. Weshalb traut sich niemand zu schreiben, ich finde das Gedicht von Walle Sayer, von Theo Breuer, von Claudia Gabler, von Harald Hurst aus diesem oder jenem Grund gut oder schlecht? Solange das nicht passiert, gehe ich davon aus, dass keiner und keine, die von ihrer Poetologie schwafeln, wirklich das Vokabular und die Fähigkeit besitzt, sich kompetent über Lyrik zu äußern. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Kommentare:

Myriam hat gesagt…

Man lese insbesondere den 4. Leser-Kommentar unter dem ZEIT-Artikel. ;-)

richard duraj hat gesagt…

der demontage-vorwurf ist sehr billig. aber naja, vielleicht kann man manchmal nicht anders.

so wie schon seit anno dazumal wird lyrik irgendwie geschrieben, neuartige und altbackene, stets zur gleichen zeit; die wenigsten von uns werden wohl wissen, was sie da eigentlich werkeln, also, ob sie nun wirklich was zustande bringen, was die literatur weiterbringt, oder einfach nur ihr ding machen. ob wir nun spasz dabei haben, dies oder das mit yeilebruechen bewaeltigen oder uns sehr sehr ernst in unseren ambitionen nehmen. ach, muss jeder selbst damit klarkommen. schlechte, gute lyrik. der leser entscheidet. die verlage sortieren aus, das netz laesst uns groesztenteils freiheiten. etc. pp. wir kennen den rest.

einen lyrikdiskurs forcieren zu wollen, ist auch nicht das wahre. das ist doch eh ein dauernder selbstlaeufer, es gibt ja die jacksons und nitzbergs und wen nicht alles... und sollte es mal durststrecken geben: die lassen wir irgendwann hinter uns, dann schreibt mal wieder wer in irgendeiner besseren literaturzeitschrift was, das aufwind bringt, ob nun gedichte oder poetologisches. impulse, inspiration, all das und so weiter und so fort. alles cool, alles relaxt also. kein sehr kindisch trotziges mit dem fusz aufstampfen notwendig. ist nicht alles mies zur zeit. und wenn doch: egal. ist doch nur lyrik

ich hab meinen spasz. beim lesen, beim schreiben. ich muss mich da nicht (mehr) heisz reden. ja, das niveau schwankt, es werden kleinere geplaenkel hoch geschwaetzt und warm gehalten. auch eine art (gelegentlich unnoetiger) kuenstlicher beatmung. und wir haben nen grund, die tastatur zu benutzen. wieso auch nicht.

was die unverstaendlichkeit mancher lyrik betrifft: das wird jeder anders sehen, der vorwurf ist also vollkommen belanglos. aendert sich dann ja auch von lyrikband zu lyrikband, von lyriker zu lyriker, wennąs gut laeuft. und ich mein, was soll's, vielleicht ist das gerade der punkt. es sollte uns zu einer gewissen gelassenheit verhelfen. tendenzen gibt es wohl bei redaktionen immer. ist das ueberraschend? ist die bella triste da eine ausnahme? kochen wir nicht alle denn nur mit bier?

also, mein vorschlag: hoert etwas ambient, lehnt euch in eurer berliner oder leipziger altbauwohnung zurueck und genieszt auf eure weise das naechste gedicht.