Montag, 28. September 2009

Jürgen Peter Stössel und Jochen Weeber im Karlsruher Literaturhaus

„In Stuttgart wieder September wie/ stehengeblieben der Schlossgarten licht/ behütet von Großvaters Hand hüpfte/ das Kükenherz mit beim Ballett der Blätter.“ Schöne Verse sind das, in denen der ferne Zauber der Kindheit wie auch der Reiz des Stuttgarter Schlossparks eingefangen ist, das muß man selbst als Karlsruher zugeben.Literarischen Ruhm haben seine Gedichte Jürgen-Peter Stössel nicht eingebracht. So etwas wie Popularität erlangte der gelernte Tierarzt (Jahrgang 1939) in den 70er-Jahren mit kritischen Sachbüchern über die Pharma-Industrie. Gedichte schreibt er gleichwohl unverdrossen seit 45 Jahren. Sein lyrischer Mitteilungsdrang ist sogar so groß, dass er vor fünf Jahren nach Überwindung einer Krebserkrankung eine Sammlung von Gedichten im Selbstverlag herausgab. Umso positiver war die Überraschung seinerseits, wie Matthias Kehle in seiner Einführung verriet, dass sich mit Langewiesche-Brandt ein renommierter Verlag fand, der unter dem Titel „Gesternmorgenschnee“ eine Sammlung seiner Gedichte aus verschiedenen Schaffensperioden herausbrachte. Auf Einladung des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg las er mit leiser, aber fester Stimme einige Gedichte daraus hervor, die reizvoll oszillieren zwischem Privatem und Politischem, zwischen Intimität und Öffentlichkeit, zwischen eigenem Ton und Anspielungen auf Literatur-und Kulturgeschichte. Das ist hörens- und lesenswert. Auf eine Pointe, einen Wortwitz hin sind die Gedichte von Jochen Weeber geschrieben, jedenfalls die, die er als zweiter Autor des Abends zu Gehör brachte. Aber der 38-jährige schreibt auch Geschichten, Kinderbücher und zur Zeit zudem noch einem Roman. Die Kostprobe, die er daraus zum Besten gab, über eine Liebesbegegnung im Maisfeld, die in eine glückliche Ehe mündet, geriet etwas zu wortreich, um ganz zu überzeugen. Auch die Schilderung eines Flüchtlingsschicksals aus der Sicht eines betroffenen Jungen zielt etwas zu offensichtlich darauf ab, beim Publikum eine diffuse Betroffenheit zu erzeugen. Dafür ist die Mischung aus Zwiegespräch und Selbstgespräch eines Vaters mit seiner Tochter, die ihm die merkwürdige Frage: „Bin ich anachronistisch?“ stellt, ein recht komischer und auch erhellender Versuch, dem Phänomen Pubertät näherzukommen. Es scheint, als sei das Leichte, das gar nicht so leicht zu machen ist, die eigentliche Stärke Weebers.
Peter Kohl

(Badische Neueste Nachrichten, 24. September 2009, merci Peter)

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