Dienstag, 29. September 2009

Lyrikdiskussion - Ein Beitrag von Jürgen Peter Stössel

Endlich erreichte mich mal eine Mail, in der sich ein Kollege ganz konkret und inhaltlich mit Gedichten auseinandersetzt. Das ist der erste substanzielle Beitrag zur Lyrikdiskussion, soweit ich das beurteilen kann:

"Was gut oder schlecht ist in der Lyrik, liefert natürlich Stoff für endlose Debatten. Die werden aber immer nur in Zirkeln geführt von Leuten, die dazu gehören (wollen), um andere draußen zu lassen. Ich stehe so weit abseits, dass ich die Spielregeln, selbst wenn ich sie kennen würde, nicht beachten muss. Darum wundere ich mich meistens nur, wer gerade wieder hoch gelobt und was für preiswürdig oder wenigstens druckenswert gehalten wird. Zum Beispiel las ich in der FAZ am 6.08.09 von Kerstin Preiwuß „stillleben“. Nach der ersten Strophe fragte ich mich, ob der Titel absichtlich in die Irre führt. Es werden ja nicht leblose oder unbewegte Dinge sprachlich arrangiert, sondern die Autorin schaut einem Vogel bei seinem alltäglichen Tun zu und denkt sich etwas dabei:

Unter meiner fensterbank / nimmt eine amsel ein staubbad unterm johannisstrauch / pickt eine beere auf, eine beere, was ist das schon / mehr als ein brosamen dem spatz.

Dann werden Zeilen mit anderen Tieren verbummelt:

ein tausendfüßler flaniert am glas auf und ab / an der wand bleibt die motte was sie ist: / ein falter, tag und nacht mit flügeln begabt


Die folgenden drei Zeilen leiten aus der Beschreibung eines hypothetischen Vorganges etwas ab, das weder mathematisch noch poetisch schlüssig ist.

stellt die fliege sich auf ihre vorderbeine / wenn sie ihre hinterbeine aneinander reibt / ergibt das eine ebene in einer richtung.

Läuft die Verbindungsgerade zwischen zwei Punkten wirklich auf ein Ziel zu? Oder ist es für die als Ebene definierte Fläche nicht gehupft wie gesprungen, ob sie bei den Vorder- oder Hinterbeinen beginnt? Von der lyrischen Schlüssigkeit mal ganz abgesehen.

Auch die Schlussverse können kaum mehr als ein Achselzucker erzeugen, warum derlei Scheingedichte den angeblich so klugen Köpfen hinter dem Frankfurter Blatt zugemutet werden.

schiefes geflatter der wäsche auf der leine / in den wind gehängt der himmel weiß / selbst die sprache zieht zu den wolken / selbst die wolken ziehen vorbei

Doch ich rätsele ja bei zu Recht gerühmten Autoren ebenfalls, wieso kenntnisreiche Leser mir ins Auge springende Schwächen einiger Gedichte übergehen. So hatte Uwe Pörksen in seiner Laudatio zum Christian-Wagner-Preis für Wulf Kirsten die vom konkreten Erleben geprägte Sprache als Gegenwehr zu abstrahierenden Verlautbarungen, zumal des real nicht existierenden Sozialismus, hervorgehoben. Als Antwort auf die pseudowissenschaftliche Begriffshuberei der Fortschrittsgläubigen in der staatlich geplanten Landwirtschaft zitiert Pörksen das Gedicht „lebensspuren“ von 1981. Es besteht aus drei mal sechs Zeilen, fängt einstimmend an:

weit hinten versinken im dämmerlicht / die niemandsgehöfte heimatlichen dorfs.


Beim nächsten Satz zuckte ich zusammen:

das nichts hat gestalt angenommen, / wo keiner mehr die nesseln mäht.

Ich wollte den ersten Teil, die abgedroschene Floskel, sofort streichen, wie die zweite Hälfte der zweiten Strophe. Sie beginnt mit einer anschaulich in Sprache gefassten Kritik:

die wirklichkeit ist scharf umrandet, / ein geviert gleich der fußgrube vorm backofen / das hochgelobte leben hier und jetzt.


Aber muss danach noch verbal herumgefuchtelt werden? Straft der Poet sein Handwerk damit nicht Lügen?

Vollmundig beuteln die sprechblasen, / herzensergießungen aus dem schlagwortsatz / von hurrajüngelchen: reklame lehrt leben.

Den Auftakt der dritten Strophe dürfte sich ein so oft ausgezeichneter Autor erst recht nicht durchgehen lassen:

die stille tropft wie blut aus einer wunde.


Über die folgenden Zeilen mit der Anleihe bei Mörike (kündet vom tage / vom heute gewesenen tage) kann man streiten. Mich überzeugt jedenfalls gar nicht, dass

der sechsflügelige seraph …. schlingert / mit schlagseite über die bruchstellen / deiner und meiner gestutzten biografie.

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