Dienstag, 1. September 2009

Poetologisches

"Verschlüsselt ist nicht die Sprache, sondern die Wirklichkeit, auf die gedeutet wird. Sie ist das Rätsel." Diese beiden Sätze, die Uwe Pörksen zum Geburtstag von Walter Helmut Fritz schrieb, haben mich in den letzten Tagen beschäftigt. Ich lese zur Zeit alle Gedichte von Fritz noch einmal, auch um sicherzustellen, dass in meinen eigenen Gedichten kein Fritz hörbar wird, wie womöglich noch in einigen Texten meines ersten Gedichtbandes. Eines liest und hört man bei Fritz übrigens nie, und zwar Ironie und Witz. Fritz war ein durch und durch ernster Dichter, herzhaft lachen habe ich ihn nie gehört und gesehen. Nur sanft und freundlich lächeln.
"Verschlüsselt ist die Wirklichkeit", das gilt auch für drei Lyriker, deren Gedichtbände zufällig oder nicht zufällig jetzt auf meinem Schreibtisch gelandet sind, Dichter, denen der Verweis auf die rätselhafte Wirklichkeit wichtiger ist als die Chiffre. Sprache ist für Peter Ettl, Ludwig Steinherr oder Ulrich Koch Mittel zur Kommunikation. Sie fragen mit ihren Gedichten den Leser nach den Rätseln des Daseins, versuchen flüchtende Wirklichkeit fest zu schreiben oder notieren das Einfache "immer einfacher, immer schwieriger". Peter Ettl macht dies ironisch, etwa in seinem "Urlaubsinventar" in Anspielung auf Eich:

mein Orangenbaum
mein Zitronenbaum
meine Minzplantage
mein silbernes Licht
mein schäumendes Meer
mein griechischer Salat
mein rotfunkelnder Wein
meine schwarze Witwe
in meinem Bananenbaum


Vor einigen Jahren noch waren mir die Gedichte Peter Ettls "zu einfach", doch ich habe sie angesichts der tausendfachen Lektüre der ach-so-schicken und ge-hypten jungen Lyrik, der selbstreferentiellen Spiele, die nur ihre Verfasser verstehen, weil sie die Spielregeln selbst aufstellen, mehr als schätzen gelernt.

Ludwig Steinherr ist unter den Lakonikern der Philosoph, auch bei ihm finde ich Witz, Ironie, manchmal eine für meine Begriffe zu schlichte Pointe, aber dann immer wieder hingetuschte, perfekte Kurzgedichte, hier das wohl kürzeste:


Jack the Dripper
(Hommage à Jackson Pollock)

Als hätte einer dem Licht
die Pulsadern geöffnet -

über einer weißen
Leinwand


Mehr sprachlicher Aufwand ist für die Bilder Pollocks nicht nötig. Ich will damit gar nicht sagen, dass ich karger, ökonomischer, spröder Lyrik den Vorzug gebe. Eine Autorin, für die sowohl das Dasein als auch die Sprache Rätsel sind und deren Lyrik mich deshalb fasziniert (nebenbei ist sie mir eine liebe Dichterfreundin geworden), ist Claudia Gabler mit ihrem irritierenden Alltagsparlando. Sehr bewusst verrätselt sie und schreibt doch ganz einfache Gedichte, wohl keines unter einem Dutzend Langzeilen. Sie ist für mich ein Bindeglied zwischen Autoren wie Sayer, Ettl, Koch, Naef, Steinherr, Kehle und denjenigen, vor allem "jungen", die in den einschlägigen Anthologien nachzulesen sind. Ich nenne deshalb keine Namen, weil es einfach zu viele sind.

Und schließlich neu auf meinem Schreibtisch zwei Gedichtbände von Ulrich Koch. Für ihn ist das Dasein sowohl Trauerspiel als auch Komödie, die "Vogelscheuche Vergänglichkeit" (Fritz) und die großstädtische Gegenwart ("Beim Teppichhändler/ erneuter Räumungsverkauf") kennzeichnen seine melancholischen und gelegentlich witzigen Texte. Vieldeutig und doppelbödig ist die Lyrik des Sprachvirtuosen aus dem hohen Norden. "Berührt" hat mich vor allem das Gedicht "Elternhaus" (wieder zufällig eines der ganz kurzen), denn in den letzten Wochen räumte ich mein Elternhaus mit aus. Es steht nun grausam leer. Ulrich Koch:


Elternhaus

Lautes Ticken
der Küchenuhr,
wie es sich langsam entfernt,
weiß man,
dass sie gegangen sind.



Peter Ettl: Samtkrallenwurzelflügler, Gedichte, Segler-Verlag 2009.
Ludwig Steinherr: Kometenjagd, Gedichte, Lyrik Edition 2000, 2009.
Ulrich Koch: Lang ist ein kurzes Wort, Gedichte, Lyrik Edition 2000, 2009.
Ulrich Koch: Bleibe, Gedichte, FIXPOETRY Leseheft No 9, Verlag im Proberaum, 2009

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