Mittwoch, 9. September 2009

Stan Lafleur im KOHI

Heute in den "Badischen Neuesten Nachrichten":

Wer kennt noch Wolfram Wuttke? In Kaiserslautern wird es noch ein paar alte Fans geben, die den wuseligen FCK-Spielmacher aus den 80er-Jahren in guter Erinnerung haben, für die jüngeren Fußballfans dürfte der talentierte krummbeinige Schnauzbartträger, der sich mit jedem Trainer anlegte und in der Nationalmannschaft nicht recht Fuß fassen konnte, nur noch irgendein Name aus längst vergangenen Spielzeiten sein. Im Bernstein der Dichtung von Stan Lafleur ist Wolfram Wuttkes Spielerdasein aufgehoben, verdichtet und verklärt für alle Zeiten: „sein unsteter geist bei der arbeit, wie er die/klassengrenzen verschob & an der wand/zerquetschte: das kam weder den kollegen/noch den bossen sonderlich zupasz...“ Mit seinem Fußball-Gedichten ist Stan Lafleur, der unter dem Namen Thomas Mittler in Karlsruhe geboren wurde und als KSC-Fan aufgewachsen ist, im Gegensatz zum KSC erstligatauglich, wie Matthias Walz von der Literarischen Gesellschaft in einer launigen Eingangsrede betonte. Ein gutes Händchen hatte die größte literarische Vereinigung Deutschlands, als sie den in Köln lebenden Poeten und Literaturperformer erkor, eine neue Lesereihe im KOHI-Kulturraum am Werderplatz zu eröffnen, mit der man das Literaturhaus im Prinz-Max-Palais verläßt und in Kooperation mit der Stephanus-Buchhandlng auf ein etwas anderes, jüngeres Publikum zugeht. Kein Platz war mehr frei im obenerdigen Partykeller-Ambiente, als Stan Lafleur, der sich in diesem Rahmen sichtlich wohl fühlte, das Publikum überraschenderweise zunächst mitnahm auf eine Rheinreise von Xanten bis zum Wasserfall von Schaffhausen. In einem Literatur-Blog, der kontinuierlich fortgesetzt wird, vermischt er eigene Betrachtungen mit literarischen Fundstücken. Es ging los mit einer polemischen Breitseite gegen die niederrheinische Stadt Xanten, die sich nicht zuletzt als vermeintliche Geburtsstadt des mythischen Helden Siegfried zu vermarkten versucht. Die Treffsicherheit dieser satirischen Spitzen ist von Karlsruhe aus schwer zu überprüfen, da liegt eine Gemeinde, die von Lafleur ebenfalls „gewürdigt“ wird, weitaus näher: „Rheinstetten: dorfidyllische Durchfahrt, Siedlungsklötze in den Seitenstraßen, Habitate für Badeunfälle und Brudermord.“ Die Sätze werden sich die Rheinstettener wohl nicht goldgerahmt an die Wand hängen. Aber eines darf man dabei nicht vergessen: Stan Lafleur nimmt sich die dichterische Freiheit zu komprimieren, zu übertreiben, die Schmährede geht ihm ebenso leicht über die Lippen wie die Lobpreisung. So greift er in die Vollen seines Wortschatzes und seiner literarischen Bildung, um die Fußballherrlichkeit eines Roberto Carlos, eines Zidane, eines Roy Makaay und des jungen Miro Klose erstrahlen zu lassen. In den besten Momenten destilliert er in ein paar Sätzen die Essenz eines Fußballerschicksals zwischen sportlichem Triumph und der Bruchlandung im Alltag wie in seinem Gedicht auf den schwer abgestürzten nordirischen Fußballheros George Best. Und da er auch noch ein gewiefter, stimmstarker und vielstimmiger Vorträger ist, landete er in der zweiten Halbzeit seines Gastspiels auf heimischem Boden einen Treffer nach dem anderen.
Peter Kohl

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