Freitag, 20. November 2009

Unterirdisch und grottenschlecht

Gestern fanden in Stuttgart große Demonstrationen zu den vorgesehenen Kürzungen im städtischen Kulturhaushalt statt. Impressionen von der ART-PARADE samt dem "Stuttgarter Appell" als PDF findet sich auf der Verdi-Homepage.

Eine furiose Rede hielt der bisherhige Landesvorsitzende des VS Baden-Württemberg, Jürgen Lodemann. Hier der Wortlaut mit freundlicher Genehmigung des Autors:


UNTERIRDISCH UND GROTTENSCHLECHT

Liebe Stuttgarter! Wenn ein Fußballspieler einen sehr schlechten Tag hat und miserabel spielt, dann hört man von Fans und Reportern, der spiele „unterirdisch“. Ich bin sicher, Stuttgarter Bürger wissen inzwischen genau, was es heißt, unterirdisch zu spielen. Denn die Häupter dieser Stadt sind drauf und dran, sich in unabsehbare Schulden hinabzustürzen, nur um ihren gut funktionierenden, ihren sehr ansehnlichen Hauptbahnhof in zehn Jahre langer Wühlarbeit zu verbuddeln – ihn ins Unterirdische zu vergraben. Diese Versenkung eines wunderbaren und soliden Hauptbahnhofs kostet inzwischen mehr als vier Milliarden Euro. Und wozu das Ganze? Bahnfahrer aus Paris, die rasch mal nach München oder Wien wollen, die werden in zehn Jahren München oder Wien um wenige Minuten schneller erreichen. Und werden von der Stadt Stuttgart nichts mehr zu sehen kriegen, nur noch Blicke ins Unterirdische. Ins Grottenschlechte. Werden dann durch Stuttgarts Tiefe nur noch hindurchrauschen. Dabei ist bekannt, wie wichtig ein Innehalten ist, Augenblicke der Besinnung, so lang halt im Sackbahnhof der Lokführer das andere Ende des Zuges besteigt. Das könnten Fahrgäste glatt auf die Idee bringen, auszusteigen. In zehn Jahren aber werden die von Stuttgart nur noch unterirdisches Schwarz sehen. Und dann sind Stuttgarts Kultur-Attraktionen sowieso gekürzt. Wir Schriftsteller bekamen jetzt die Nachricht – pünktlich zu Schillers 250stem – dass im Land der Dichter und Denker, wo Schiller und Hegel die Regel sein sollen, dass dort die Hauptstadt die Zuschüsse für Literatur um 40 Prozent streichen müsse, das erzwinge die Haushaltslage. Zwar kriegt man für das, was da gestrichen wird, im künftigen unterirdischen Bahnhof nicht mal eine einzige Weiche, denn 40 Prozent für die Literatur tun zwar weh, sind aber für die 4 Milliarden-Heldentat grade mal Null Komma Null Eins Promille. Stuttgarts Stadtväter glauben offenbar, sie könnten ihre Defizit-Abgründe zuschütten mit den Wundertütchen Literatur oder Musik.– Liebe Stuttgarter, wir sind Zeuge einer einzigartigen schwäbischen Schildbürger-Blamage. Ja wenn es nur komisch wäre. Gekürzt wird auch im sozialen Bereich, z.B. in der Jugend-Arbeit – Gewalt an Schulen? – war da was? Früher wurde mal in schwäbisch hausväterlich geordneten Verhältnissen demjenigen, der seinen Kindern die Zukunft verbaute, der irre Schulden hinterließ oder Projekte, die unterirdisch sind und grottenschlecht, denen wurde das Sorgerecht entzogen. Leute, es wird Zeit, Stuttgarts Oberhäuptern das Sorgerecht zu entziehen! Und diesen Milliarden-Verplemperern nur noch kleine Aufgaben zu lassen, sie z.B. mal zählen zu lassen bis zu einer Milliarde, jede Sekunde eine Zahl – damit Ahnungen von dem aufkommen, was sie da anrichten – pro Sekunde eine Zahl, Tag und Nacht zählen, bis eine erste Milliarde erreicht ist – das dauert 30 Jahre. Liebe Zuhörer, ein einst paradiesischer Stutengarten schrumpft. Verkommt zum BitterFilderWeg. Verantwortliche jonglieren mit gepumpten 4 Milliarden – global beflügelt durch die Computer-Technik – gewissenlos, vielleicht auch nur ahnungslos – selbst die Kanzlerin gibt inzwischen zu, einen Ausweg sehe auch sie nicht mehr, will ein Wachstumsbeschleunigungsgesetz – in Stuttgart jedoch ist das Unterirdische und Grottenschlechte mit Händen zu greifen, mitten in der Stadt, als unendliches Grab – Leute, unterbrechen wir die Tradition, wonach sich Stadt- wie Landesväter um die Zukunft den Teufel scheren, wonach sie das, was nicht finanzierbar ist, künftigen Generationen aufhalsen – die Jüngeren haben ihn schon jetzt auf dem Rücken, den Zukunftsballast, Jüngere gehören bereits zu denen, die das ausbaden dürfen, den jahrelangen Luxus auf Pump. Zur Bildungsmisere nun auch noch Kultur-Abriss. Die berühmte Bonität von Stuttgart schwindet – und man müsste nun sagen: Herren Schuster und Mappus, übernehmen Sie – müsste man sagen, hätten die sich nicht längst selbst übernommen. Letzte Chance für die da oben: Der Schwachsinn 21 entfällt!

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