Mittwoch, 6. Januar 2010

Gedicht des Tages - Frank Norten

Unter den Gedicht-Einsendungen der letzten Wochen - viele waren es nicht, ich bitte herzlich um Nachschub! - war ein Gedicht von Frank Norten, das sich von allen anderen abhebt. Da ich Wladimir Makanin nicht gelesen habe und mir sicherlich einiges an Anspielungen entgeht, lasse ich es, auf den Text weiter einzugehen. Aber der Sound des Gedichtes ist herrlich! Links zum Autor siehe unten.


UNDERGROUND I

(nach Wladimir Makanin „Underground
oder ein Held unserer Zeit“, Moskau 1998)

Wohnblocks aus den Fünfzigern
Tantchen Trostlos wischt den Flur
Mischa hat neuerdings einen Direkteinspritzer
In seiner Küche zwei Strassenkinder
Das Künstlerkollektiv trifft sich
Die alkoholisierte Dichterin N. (sie wird gedruckt!)
lässt den Kopf hängen
„Los, nehmt sie mit!
Zu Haus ist niemand.
Ihr Mann weilt im sonnigen Süden.“
In diesen Blocks werden nur Zigeuner
bleiben oder solche wie wir
Tantchen, mit deiner Hilfe stürzten wir an
einem Nachmittag das Sowjetregime
Der Reporter aus der Neuen Welt
schüttelt den Kopf
Postkommunismus hätte er sich finsterer vorgestellt
Frage den Juden aus Dneprpetrowsk,
Kollege
Meine erwachsene tote Tochter grinst
„Setz dich, Liebes,
am Katalytofen ist noch Platz.
Iss was!“
Alltagspoesie
Underground
Fressen, Saufen und Vögeln
Die Internationale Dreieinigkeit
Die Heilige Russische Literatur
„Ihr Hunde, sie lebt!“
Rosselenker, Denker der Subkultur
(zum Beipiel der selten nüchterne Petrowitsch, also ich)
Gegen Mittag heisst´s energisch:
„Kleine, mach die Flocke!“
Sonst gibt´s im Haus noch jede Menge
pensionierte Parteifunktionäre
visionär, demokratisch,
auf der Höhe der Zeit
Die Poesie verbirgt nichts
Dahinter steckt gar nichts
Der UGler spuckt aus
Held mit repariertem Butankühlschrank
graphoman

Anm.: „UG“=Underground


Website Frank Norten
Frank Norten im Poetenladen


P.S. Der Autor hat das Glück, dass ich zuerst die Texte lese und dann nach biografischen Hintergründen und anderem gucke. Hätte ich erstens gewusst, dass das o.g. Gedicht schon im Poetenladen zu finden ist und zweitens, dass Norten vor vielen Jahren einer seiner Gedichtbände in einem fragwürdigen Verlag erschienen ist, hätte ich das Gedicht wahrscheinlich nicht gepostet. Aber bei dieser Gelegenheit kann ich mal wieder auf das vom VS mitbegründete "Aktionsbündnis für faire Verlage" hinweisen: Hier klicken!

Kommentare:

Gerd Sonntag hat gesagt…

Ich finde es gut, daß Du das Gedicht trotz Deiner strengen Prinzipien gepostet hast. Was könnte auch ein Gedicht für die Bibliographie seines Autors? Sollte es im übrigen nicht grundsätzlich so sein, daß nur die subjektive Einschätzung eines Textes zählt und nicht, wer der Verfasser ist und ob er "aus gutem Hause" stammt? Eine Lyriklese ist doch keine Weinprobe, wo eine Lebensmittelvergiftung zu befürchten ist, wenn auf dem Flaschenetikett "Côte du Migräne" steht

Lulu hat gesagt…

Hmmm, ich las mit Interesse das Gedicht; der Autor als Autor interessiert mich jetzt weniger. Trotzdem würde ich gerne wissen, was der Betreuer des Blogs mit "fragwürdigem Verlag" meinte....

Beste Grüsse!

Matthias Kehle hat gesagt…

Wir wissen nicht, wer Lulu ist. Deshab werde ich den Teufel tun, Ross und Reiter zu nennen. Es soll nämlich Kollegen geben, die sich reichlich juristische Scherereien eingefangen haben. Mit ein bisschen Recherche kommt Lulu gewiss weiter. Und bei Fairlag wird alles gesagt, was zu sagen ist.