Freitag, 29. Januar 2010

Harald Hurst ist 65

Heute gratuliere ich in den "Badischen Neuesten Nachrichten" Harald Hurst zum 65. Geburtstag. Die Redaktion hat meinen Beitrag leicht gekürzt. Hier die lange, die originale Fassung:


Badischer Bestseller

Nun also ist er im Rentenalter, Harald Hurst, der vielleicht populärste Badener. Ein sanfter Schrecken durchfährt einem, wenn man ihn sein eigenes halbes Leben freundschaftlich-kollegial begleitet hat. Es ist doch noch gar nicht so lange her, als er von Mahmud schrieb, der "hinten seitlich (wohnt)// auf dreizehn quadratmetern/ am türhaken/ sein blauer arbeitskittel/ daneben die gebetskette." Doch, es ist lange her: 1981 erschien sein erstes Buch "Lottokönig Paul", heute eine antiquarische Rarität. Hurst schrieb sich damals seine Lebenserfahrungen vom Leib, schrieb von Randfiguren der Gesellschaft, von Alkoholikern, Gastarbeitern und Prostituierten. Im letzten Kriegsjahr geboren, lebte er damals als Referendar in einer Grötzinger WG. Was nach den beiden nächsten, ebenfalls vergriffenen, Büchern folgte, ist (fast) Geschichte: Harald Hurst avancierte zum Publikumsliebling, ja zum Popstar für alle Menschen, denen das Badische näher liegt als das Hochdeutsche - unvergessen sein Auftritt mit Gunzi Heil im vergangenen Jahr beim "Fest" vor tausenden Zuhörern.
Harald Hurst erzählt immer wieder biografisch gefärbt, vor allem aber vom Leben derer, denen er so genau zuhört. Da ist etwa jene Geschichte von "Alfred und Kleopatra" in dem einzigen in Schriftdeutsch verfassten Band "Das Zwiebelherz", in der zwei gut abgehangene Junggesellen ihr Glück bei einer Art "Ü 30-Party" versuchen. Der Band war der erste "Bestseller" Hursts, die Rezensenten, sogar die schwäbischen, entdeckten einen "leichtfüßigen und nuancenreichen Erzähler, dem eine schlanke, pointen- und bilderreiche Sprache" zur Verfügung steht. Hurst erzählt von den Ausgehvorbereitungen eines Paares oder später in dem Band "De Polizeispielkaschte", wie ein Vater mit seinem etwa sechsjährigen Sohn ins Grüne zieht, um ihm die Welt zu erklären und vor allem, weshalb Schnecken eine Schleimspur hinterlassen." Ein Klassiker bei seinen Lesungen ist "G'mütlich sitze", ein Phänomen, das er auf seine unnachahmliche Weise definiert: "Es isch, oberflächlich g'sehe, so e Art laute Besinnlichkeit im g'sellige Krais." Im Laufe der Jahre werden Hursts Figuren gesetzter, arrivierter, bürgerlicher und natürlich älter: Im jahrelang gespielten Theaterstück "Fuffzich" berichtet er vom Unbill, das einem Paar angesichts "seines" runden Geburtstags widerfährt.
Ein pralles Leben spiegelt sich im bisher 17 Bücher und CDs umfassen Werk. "Des mir!" heißt sein jüngster Band, dem ein Kritiker bescheinigte, er sei Hursts erstes Alterswerk. Melancholisch und versöhnlich ist der Thaddäus-Troll-Preisträger geworden, liebevoll entlarvt er aber immer noch auf seine Weise etwa den Medienblödsinn, in dem er beispielsweise Sonja Schrecklein parodiert.
Der Wahl-Ettlinger hat wie kein zweiter die badische Mundart geprägt. Sogar im akademischen Bereich darf man seit gut zwanzig Jahren dezent badisch "schwäddse", unzählige Mundart-Kollegen haben meist vergeblich versucht, sein Niveau zu erreichen. Bei aller Volkstümlichkeit wird dabei eines gerne übersehen, dass Hurst nämlich einige Gedichte ("Salut Schtroßburg" oder "S'Landesübliche") geschrieben hat, die wirklich große Poesie sind.

Kommentare:

axel karner hat gesagt…
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Matthias Kehle hat gesagt…
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Matthias Kehle hat gesagt…
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