Sonntag, 21. Februar 2010

Konzepte Nr. 29

Vor mir liegen zwei Ausgaben einer Zeitschrift: "Konzepte. Zeitung für Nachwuchsliteratur, 1. Jahrgang, Nr. 1, Dezember 1985" und "Konzepte. Zeitschrift für Literatur Nr. 29, September 2009". Angefangen hat die Zeitschrift mit einem vierseitig, in der Mitte gefalteten A3-Blatt, heute erscheint es im Buchformat, hat 180 Seiten und wird von der Ulmer Lyrikerin Christine Langer herausgegeben. "Konzepte" ist eine Zeitschrift des "Bundesverbandes junger Autoren", eine Autorenvereinigung, der ich vor meiner VS-Mitgliedschaft, vor 1992 selbst angehörte. Ich könnte auch heute noch Mitglied sein, denn der BVJA nimmt es mit dem Alter nicht so genau. "Konzepte" war anfangs eine Zeitschrift vor allem für Nachwuchsautoren, die Herausgeber experimentierten, befassten sich etwa mit den damals neuen Kommunikationstechnologien. Es ist durchaus interessant, die Entwicklung von Literaturzeitschriften von ihren Anfängen bis zur Gegenwart zu betrachten, zumal die wenigsten Magazine so lange durchhalten. Die Entwicklung der "Konzepte" ist etwa mit der von "Am Erker" vergleichbar: Die Zeitschriften werden zunehmend klassischer, seriöser, leserfreundlicher, namhafte Autoren wechseln sich mit unbekannten, neuen Schriftstellern ab.
"In dieser Ausgabe wird NATUR ganz groß geschrieben, nämlich im Spiegel der Poesie" schreibt Christine Langer im Vorwort und sagt im Gespräch, sie halte die neue, die Nummer 29, für die beste Ausgabe der "Konzepte", die sie selbst zu verantworten hat. Seit Markus Orths die Redaktion verlassen hat, macht Christine Langer die verdienstvolle Zeitschrift übrigens im Alleingang. Illustre Namen finden sich in dem Band und Lyriker, die ich persönlich schätze. Kurt Drawert eröffnet den Band mit Naturgedichten("Der ausgestopfte Kopf einer Wildsau, / hoch an einem Pfosten über dem Plumpsklo"), in denen statt röhrender Hirsche oder bewispterter Gräser "Plastikschränke" zu finden sind. Jan Wagner ist vertreten, etwa mit seinem wunderbaren "chamäleon" nebst weiteren Gedichten. Glanzlichter sind die ironischen Prosagedichte von Hellmuth Opitz ("Schau der April, er flaggt schon aus,/ die Bäume blättern rasch ihr Brautkleid hin/ und alle Ausfallstraßen fangen an zu summen...") oder die melancholischen Blicke von Walle Sayer auf die Begrenzungen des Daseins, etwa im Gedicht "Alter Grenzstein".
Illustre Namen also hat Christine Langer versammelt, von Friederike Mayröcker, Hendrik Rost, SAID und Kerstin Hensel ganz zu schweigen, SAID etwa steuerte ein lakonisches Prosastück bei ("der weiße löwe").
Die "Konzepte" verdienen (noch) mehr Beachtung, wird doch auch dieser Band abgerundet von Rezensionen, etwa über Richard Doves Band "Am Fluß der Wohlgerüche" oder Tina Strohekers "Was vor Augen liegt". Christine Langers Kurzbesprechungen "Quergelesen" schließlich laden zum Entdecken ein, etwa von Ulrike Draesners Lyrikband "berührte orte". Dass die "Konzepte Nr. 29" noch nicht von den einschlägigen Online-Magazinen entdeckt wurde, ein knappes halbes Jahr nach Erscheinen, ist schade. Was nicht ist, kann noch werden. Für meine Begriffe gehört "Konzepte" zu den interessantesten der etablierten Literaturzeitschriften.

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