Montag, 18. Oktober 2010

Bemerkungen des VS-Landesvorstandes Baden-Württemberg zu seinem Selbstverständnis

Aus gegebenem Anlass noch einmal einige Bemerkungen des VS-Landesvorstandes Baden-Württemberg zu seinem Selbstverständnis:

Wir finden es gut, dass unter uns Schriftstellerinnen und Schriftstellern eine rege und leidenschaftliche Diskussion über politische Themen stattfindet. Wir unterstützen das, bitten aber bei aller Freude an Polemik um eine Sachlichkeit, die Andersdenkende nicht herabwürdigt. Im Vorstand haben wir unsere persönlichen Meinungen, veröffentlichen sie aber nicht. Wobei jedes Vorstandsmitglied an jeglicher Diskussion teilnehmen kann, dann aber nicht für den Vorstand insgesamt spricht.
Die Frage, ob das Bahnprojekt sinnvoll ist oder nicht, können wir nicht sachlich beantworten, wir sind keine Fachleute. An einem Glaubenskrieg aber beteiligen wir uns nicht. Wir werden uns immer darum bemühen, dass die nötigen Gespräche und Diskussionen sachlich verlaufen. Wir sehen auch, dass die Ereignisse rund um das Bahnprojekt einen politischen Aspekt haben, dass es den Demonstranten darum geht, als
Bürgerinnen und Bürger von der Politik ernst genommen und als Gesprächspartner geachtet zu werden. Wir sehen, dass das Schalten und Walten der Bundes- und Landesregierung über unser Köpfe hinweg und der Umgang mit unserem Geld in uns allen das Gefühl der Ohnmacht erzeugt und uns zutiefst ergrimmt. Wir sind auch gegen eine Verlängerung der Laufzeiten für Atomkraftwerke, weil dies auf Dutzende Generationen Lebensgefahr für uns alle bedeutet, wir sind voller Zorn über eine Politik, welche nur den Interessen der Konzerne dient.
Wir wissen aber auch, dass der Wohlstand, in dem wir leben, genau dieser Art der parlamentarischen Demokratie geschuldet ist. Und durch alle Generationen haben Schriftsteller sich mit Wirklichkeit auseinandergesetzt, auch mit dieser. Diese Ohnmacht gegenüber der Politik und ihrer hinter sozialen Phrasen versteckten Menschenverachtung ist etwas, das wir als Autorinnen und Autoren immer wieder neu zu formulieren und zu erzählen trachten. Und das muss auch weiter so geschehen. Wenn die Demonstrationen gegen den Bahnhof und die Schnellbahnstrecke die Republik ins Wanken bringen, gut. Aber das Schicksal der Republik entscheidet sich nicht daran, ob ein Bahnhof gebaut wird oder nicht. Wir sehen aber, dass der Bahnhof zu einem Symbol geworden ist, das uns zu zwingen scheint, für oder gegen die parlamentarische
Demokratie, für oder gegen Bürgerentscheide, für oder gegen Polizeieinsätze, für oder gegen das an Korruption grenzende Bündnis von Wirtschaft und Politik Stellung zu beziehen. Wir treten stets für das Recht des Einzelnen ein, sein Geschick selbst zu bestimmen, allerdings - und das ist banal, kann aber doch mal gesagt werden - nicht auf Kosten des Gemeinwohls. Und wir sehen auch, dass die Proteste gegen eine Baustelle mitten in der Stadt auch der Unduldsamkeit mit jeglicher Veränderung entspringen, die vor der eigenen Haustür geschehen. Wir spüren eine tiefe Ablehnung jeglicher Veränderung und einen Technik- und Kulturpessimismus, der mich zumindest ziemlich bestürzt.

Besonnenheit ist ebenfalls eine Qualität intellektuellen Verhaltens, die zumindest ein Teil der Schreibenden aufweisen dürfen, neben all jenen, die sich an vorderster Front eine Revolution gegen die Diktatur des Kapitals sehen. All diese Rollen, die Intellektuelle, Schreibende und Kulturschaffende in unserer Kultur spielen, sind wichtige Rollen, die nötig sind, damit wir uns als Gesellschaft weiterentwickeln. Um die Frage, wer im Recht ist und wer nicht, geht es immer nur in einer konkreten "Schlacht", aber nicht in einem Schriftstellerverband, der sich niemals zum Sprachrohr einer der beiden "Krieg führenden" Parteien machen sollte.

1 Kommentar:

ms hat gesagt…

schade drum. sozusagen eine antwort darauf:

http://windschief.twoday.net/stories/8395961/