Donnerstag, 7. Oktober 2010

"Ein Terabyte Erleuchtung" - Ron Winkler las in Karlsruhe

Heute in den "Badischen Neuesten Nachrichten":


Es gibt einen "Ron-Winkler-Kosmos", ein eigenes Sprachuniversum, das sich der Berliner Lyriker geschaffen hat. "Phänomenologische Gedichte" nennt er Texte, in denen Zeilen vorkommen wie: "ging es um Wolken in Form von Wolken, um die Abschaffung/ von Monoversitäten. um die richtige Mischung von Störgeistern und Geistesgestörten."
Hatten die Autoren, die bislang in der Reihe "Lesung Süd" der Literarischen Gesellschaft im Kohi lasen, einen deutlichen Unterhaltungswert, so war dem Zuhörer diesmal bald klar: Hier liest einer Texte, die so gar nicht dem Klischee von Lyrik entsprechen, geschweige denn "unterhaltende Literatur" sind. In Winklers Textgebilden gibt es "Lakoniknixen", das "Malewitschquadrat unseres Verstandes" oder "gestern nebenbei ein Terabyte Erleuchtung." Es sind radikale Texte, Winkler legt es nicht darauf an, Wirklichkeit abzubilden.

Der junge Autor liest mit sanfter Stimme und zurückhaltendem Gestus auch ganz aktuelle Aufzeichnungen aus Argentinien. Diese sind schon näher an dem, was landläufig als "Wirklichkeit" bezeichnet wird, auch wenn der Autor gleich darauf hinweist, dass man eine fremde Stadt binnen weniger Tage kaum erkunden kann (die Stadt ist nicht "baedeckerisierbar"). "Verfälschung als Stilmittel" habe er beim Schreiben eingesetzt. Seine präzisen Beobachtungen hat Winkler denn auch gewitzt überzeichnet. In den Hochhäusern findet er "Tafeln voller Klingeln, zu seltsamen Tastaturen arrangiert (...) Mieterfernsteuerung, Synthesizer." Winkler findet oder erfindet den Beruf des "Taxiheranwinkers" oder konstatiert, dass "Höhepunkt" im argentinischen Deutsch "Spitzpunkt" heißt.

"Wahrnehmungssplitter" werden bei dem vielfach ausgezeichneten Dichter und einem der wichtigsten Vertreter junger deutscher Lyrik zu "Sprachsplittern", die er geschickt arrangiert. Winkler zitiert, dekonstruiert und sampelt, "ohne den Rand der Wörter als Strand/ zu verstehen" - völlig zu entschlüsseln sind die Gedichte nur selten. Um so mehr ist das Publikum fasziniert vom Sound der Texte und von der Komik mancher Zeilen, etwa wenn "weiße Kittel, Laborpassanten (...) überprüfen, ob die Chemie noch stimmt." Leider völlig überflüssig die gelegentliche Begleitung durch den Gitarristen Ronnie Holzmüller, der dekorativ auf seinem Instrument herumschrammelt und mit Schraubenzieher und Taschenmesser allerhand Geräusche herauskratzt.

Ganz konventionell übrigens das traditionelle Warm-Up im Kohi, das der junge Rapper Simon K. bestritt. Es ist ein schlichter Sprechgesang mit einfachen Texten über den Sinn und Unsinn des Daseins. "Ich möchte Sätze sagen, die noch keiner gesagt hat", wünscht er sich. Vielleicht gelingt es ihm eines Tages, wenn er lange genug an sich arbeitet. Ron Winkler jedenfalls hat es immer wieder geschafft. Und das ist das beste, was man einem Lyriker nachsagen kann.

Kommentare:

Thien Tran hat gesagt…

ich frage einfach mal erwartungslos in die Runde:

Was gäbe es denn zum Begriff der Authentizität noch zu sagen?

Terabyte? und dann noch Erleuchtung? "Phänomenologische" Gedichte?

von Husserl habe ich noch nie gehört, bedeutet mir im übrigen auch nicht besonders viel!

und ja, ach, mit den allerallerbesten Grüßen, natürlich, in die virtuelle Runde.

rw hat gesagt…

Eine wie immer wertvolle Äußerung. Danke für dein Bekenntnis gegen Husserl.
Von rein "phänomenologischen" Gedichte würde ich nie sprechen, es würde irritieren.

Matthias Kehle hat gesagt…

Leider kann man in Lesungs-Rezensionen für Tageszeitungen nicht sehr ins Detail gehen. Und muss beachten, dass man nicht für ein Lyrik-Fachpublikum, sondern für Lieschen Müller schreibt. Wenn Ihr die Diskussion hier vertiefen wollt, ich tät mich freuen!

Thien Tran hat gesagt…

Bekenntis ist zu wenig.

Man wird nicht glauben, wie viel mir z. b. und u.a. folgendes bedeutet:

"Husserl"

"Erleuchtung"

"Mallewitsch"

also 3 von etwa sieben oder acht. -
das ist einfach zu viel für mein "WELTBILD"

es rennen einfach zu viele Leute dem Geld hinterher.

?

Thien Tran hat gesagt…

oder aber ich pflanze jeden Sonntag ein neues Fragezeichen, wäre auch keine schlechte Möglichkeit.