Donnerstag, 14. Oktober 2010

Offener Brief von Marcus Hammerschmitt und Hellmut G. Haasis

Offener Brief

12 Oktober 2010

Mitgliederversammlung des Verbandes Deutscher Schriftsteller (VS In Verdi) mit OB Schuster im STUTTGARTER RATHAUS am 11. Dezember 2010

Hallo Kolleginnen und Kollegen im Schriftstellerverband,

Was ihr uns da als Einladung zur Mitglieder-Versammlung (am 11. Dezember 2010) im Stuttgarter Rathaus geschickt habt, kippt uns so gründlich aus den Socken, dass wir ausführlich zitieren müssen – sonst glaubt man, wir übertreiben.

„Samstag, 11. Dezember 2010 11.45 bis 18.00 Uhr im Ratskeller (Rathaus) Stuttgart
Nachdem ursprünglich das traditionelle Schriftstelleressen der Stadt Stuttgart auf der Liste der Streichungen im Literaturbereich zu finden war, lädt nun der Oberbürgermeister der Stadt die Mitglieder des VS herzlich ein zum traditionellen Mittagessen. Die Älteren, um nicht zu sagen Ältesten unter uns, werden sich vielleicht noch daran erinnern, dass vor langer Zeit ein OB am Schriftstelleressen teilgenommen hat – es war angeblich Manfred Rommel. Nun hat OB Wolfgang Schuster zugesagt, zu kommen und ein paar Worte an uns zu richten – mit anschließender kurzer Diskussion. Das Mittagessen beginnt bereits um 11.45 Uhr. Nach den Erfahrungen der letzten Jahre und angesichts der Anwesenheit des OB bittet der Vorstand um PÜNKTLICHKEIT und eine verbindliche Anmeldung. (……..)“

So weit, so schlecht.
Vielleicht ist euch entgangen: Seit August des laufenden Jahres 2010 gibt es jede Woche mehrere Demonstrationen Stuttgarter und Anderer gegen den TIEFBAHNHOF STUTTGART 21 und die verheerend teure NEUBAUSTRECKE NACH ULM.

Die Gründe und Gegengründe werden seit langem breit erörtert. Wer will, kann davon wissen.

Bisher haben sich die Schauspieler des Stuttgarter Schauspielhauses mit den Demonstranten SOLIDARISIERT. Und weitere, die wir nicht alle überblicken können. Musiker veranstalten kostenlos Konzerte. Andere helfen den schwer gebeutelten PARKSCHÜTZERN und stützen die BAUMBESETZER von Robin Wood.

Aus allen Berufen, Altersgruppen, sozialen Milieus und Erfahrungsbereichen treten jede Woche Zigtausende gegen den WAHNSINN dieses Projektes an.

Mappus hat uns schon alle identifiziert: BERUFSDEMONSTRANTEN und KRIMINELLE.

Was tun da die Schriftsteller im VS? Sie lassen sich von Schuster einladen und ERTEILEN IHM DAS WORT. Schuster will seit Monaten seine Propagandareden an die Demonstranten halten. Er wird nicht zugelassen, weil er nur dieselben Phrasen dreschen will, die uns schon alle zum Hals heraushängen und die wir seit Monaten in den Zeitungen lesen müssen.

Wir fordern euch dringend auf, nochmals zu überlegen, ob ihr mit der Mitgliederversammlung in den Ratskeller gehen und ob ihr Schuster Rederecht geben wollt. Warum möchte ausgerechnet in diesem Jahr ein OB zu den Skribenten reden, die auf seine Einladung vespern? Weil er Bündnispartner braucht, „Besonnene“, denen er ein paar besonnene Sätzlein Zur „Politischen Kultur“, zur „Spaltung Stuttgarts“, zur Sehnsucht nach ungefährdeter, d. h. UNBENUTZTER DEMOKRATIE auftischen kann.

Und irgendein besonnener publizistischer Hansdampf dokumentiert dann, wie besonnen der OB mit seinen SCHAFSFROMMEN intellektuellen plaudert. Die können auch kaum was Sinnvolles sagen, denn man beißt die Hand nicht, die einen wortwörtlich FÜTTERT.

Merkt ihr eigentlich, dass wir gerade politisch verschaukelt werden sollen? Dass unsere Mitgliederversammlung als Kleinbühne für einen MIESEN PROPAGANDA-AUFTRITT genutzt werden soll?

Wenn der VS sich politisch profilieren will, dann gäbe es schon allein angesichts der Vorkommnisse Am 30.9. (Polizeiüberfall mit Wasserwerfern, Pfefferspray und Knüppeln) nur eine Option: die Mitgliederversammlung woanders stattfinden zu lassen. Alles andere bedeutet in der aktuellen Situation, den Leuten, die mit vollem recht gegen Stuttgart 21 handeln, IN DEN RÜCKEN ZU FALLEN.

Den Gipfel der Lächerlichkeit stellt der gesonderte Aufruf zur Pünktlichkeit dar, als habe man es in diesem Jahr mit einem VERSCHÄRFTEN Gestellungsbefehl zu tun, weil das Manöver unter Aufsicht des Kurfürsten stattfindet.

Das mindeste, was wir tun können, um nicht als VOLLDEPPEN dazustehen: einen prominenten und erfahrenen GEGENREDNER zu Tisch zu bitten, z. B. jemanden von SÖS oder sonst jemanden, der Schuster so einheizen kann, wie er das verdient. Verpackt es unseretwegen als Dialog, so wie er das Ganze sicher als Dialog wahrgenommen haben will. Aber lasst euch nicht so billig benutzen.

Hellmut G. Haasis, Reutlingen
Marcus Hammerschmitt, Tübingen

Kommentare:

Marcus Hammerschmitt hat gesagt…
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Marcus Hammerschmitt hat gesagt…

Antwort zur Stellungnahme des Vorstands auf unseren Offenen Brief vom 13.10.2010

"Die Kunst der Diplomatie besteht darin, sein Gegenüber so schnell über den Tisch zu ziehen, dass es die Reibungshitze als Nestwärme empfindet." Müsst ihr nicht auch an diesen Spruch denken, wenn ihr euch selber reden hört? Nein. Ihr
müsst gar nicht denken, ihr habt euer fixes
Sprüchlein vom "kritischen Dialog" bereit, eine
rhetorische Allzweckwaffe, die besonders gern dann auf den Plan tritt, wenn weder von Kritik noch von Dialog die Rede sein kann, wenn das eine nicht erwünscht und das andere nicht geplant ist.

Man kann, ja man muss ein wenig auf die Stuttgarter stolz sein, die in immer größerer Zahl begreifen, dass solche Phrasen nur eines bedeuten: den festen Willen zur Verschleierung. Die vollkommen richtig an einem Baustopp als Vorbedingung zu Gesprächen festhalten, weil alles andere lächerlicher Unfug ist. Die begriffen haben, dass die "ausgestreckte Hand" von Mappus, Schuster und Konsorten eher eine geballte Faust in einem eisernen Handschuh ist. Aber die Schriftsteller in Baden-Württemberg, bzw.
die Mitglieder des VS-Vorstands begreifen das
nicht. Man fragt sich: warum?

Wir möchten nicht mit euch Grundschule spielen.
Aber wenn ihr auf den traditionellen Charakter des
Stuttgarter Schriftstelleressens abhebt, dann weisen wir doch noch einmal darauf hin, dass nicht alles gut ist, was Tradition hat; dies eine Binsenweisheit, die Erwachsenen jederzeit einleuchten sollte. Umso mehr, als sich jetzt erweist, wie schlecht diese Tradition ist: Sie gibt den VS in Baden-Württemberg der Lächerlichkeit preis, und obwohl wir Mitglieder sind, lachen wir mit, allerdings ohne Spaß.

Redet nur mit Schuster. Redet mit ihm, der nach
dem Auftreten von staatlich organisierten
Schlägertrupps in "seiner" Stadt nur salbungsvolles
Gewäsch zu bieten hatte, und, na klar, das fixe
Sprüchlein vom Dialog, das euch auch so behagt.
Making a frog's dance in a snake's mouth soll ja
auch eine Sportart sein, ihr seid schon recht fit darin.

Es tröstet uns nicht wirklich, dass euer Verhalten
sich nahtlos in eine Reihe von Pleiten beim Landes
und Bundes-VS einreiht. Das Versagen bei der
Causa Walser, die unsägliche Erklärung zum Irak
Krieg 2003, das deutschnationale Gefasel zum
geplanten Verkauf der Karlsruher
Nibelungenhandschrift, die peinlich-ahnungslose
Allianz mit dem Börsenverein in Fragen des
Urheberrechts ("Frankfurter Mahnung") - ja, es gibt
eine solide Tradition des Unfugs, vor der ihr euch in euren Gesprächsangeboten an Herrn Schuster mit allem Nachdruck verbeugt.

Wir meinen, dass euch nach diesem Totalversagen
im Fach politische Kritik drei Möglichkeiten offen
stehen:

1) Ihr macht weiter wie bisher, und hofft, dass sich
das alles wieder verläppert. Das hättet ihr am
liebsten, nicht wahr?

2) Ihr tretet zurück. Das würde jedenfalls Mumm und Konsequenz beweisen.

3) Ihr übernehmt eine Patenschaft für die neuen,
noch gefährlicheren Wasserwerfer, mit denen auch die baden-württembergische Polizei ausgerüstet werden wird.

http://www.heise.de/tp/r4/artikel/33/33486/1.html

Eins dieser Gefährte könnte doch als "WaWe 1000
Cobra >Thaddäus Troll<" in den "kritischen Dialog"
zwischen Polizei und Demonstranten eingreifen,
nicht wahr?

Zum Schluss noch ein Wort zu der "Offenheit", die
ihr euch an die stolzgeschwellte Brust heftet. Warum wir statt verbandsinternem Unterholz-Gefußel die Form des Offenen Briefs gewählt haben? Weil Offenheit gegen Gemauschel wirken kann. Manchmal sogar in Schwaben.

Marcus Hammerschmitt, Tübingen
Hellmut G. Haasis, Reutlingen