Dienstag, 9. November 2010

Gedicht des Tages - Widmar Puhl

In der letzten Zeit ist mir oft die Frage begegnet, was politische Lyrik leisten kann. Gibt es "gute" Gedichte mit einer Botschaft? Sitze ich im Elfenbeinturm, wenn ich politische Lyrik für mich persönlich ablehne? Widmar Puhl hat mir ein Gedicht zum Themenkomplex "Stuttgart 21" gemailt. Ich stelle es ausdrücklich zur Diskussion, denn viel wichtiger als die Frage, ob sich ein Schriftstellerverband zu einem Bauprojekt äußern soll oder nicht, ist die, was wir mit unseren sprachlichen Mitteln leisten und bewirken können. Merci, Widmar!



Stuttgart 60


Ganz wie das Wasser immer nur nach unten rinnt,
so schwinden mir die Stunden und die Tage.
Ist das normal, das so viel ohne mich beginnt,
hab ich tatsächlich keinen Grund zur Klage?

Es ist ein Größenwahn, der spaltet diese Stadt.
Sie reißen ab und bauen neu aus reiner Gier.
Es sind Gesetze, die das Recht verlassen hat.
Sie raffen, und sie schlagen Schädel ein dafür.

Wo ist der Glaube, den es hier mal gab?
Sie reden von Erfolg und meinen Geld.
Und ihre Planer schaufeln ein Milliardengrab.

Doch ohne Spuren geht ihr nicht aus dieser Welt.
Habt ihr gelebt, geliebt, gekämpft, gelitten? –
Dann müsst ihr auch nicht um Verzeihung bitten.



Homepage von Widmar Puhl

Kommentare:

Matthias Hagedorn hat gesagt…

Die Frage "Was ist Literatur?" ist mit der Frage "Was ist Kritik?" eng verbunden. Beide wurzeln historisch im 18. Jahrhundert. Damals wollte das aufgeklärte Bürgertum anhand der Kritik einen neuen Politikbegriff etablieren, der sich Politik als diskutierende Öffentlichkeit von politischen und ästhetischen Laien vorstellte. Das heutige "meinungsbildende Feuilleton" nutzt dem Literaturbetrieb, aber nutzt der Literaturbetrieb auch der Literatur?

Thilo hat gesagt…

Jedes Gedicht hat wohl eine Botschaft. Welche auch immer. Was ich schlecht ertrage, ist plumpe Moral oder Agitation. Mir fällt als Gegenbeispiel Seamus Heaney ein. Für mich sind seine Texte grossartige Literatur. Und sie sind teils auch politisch. Eine andere Referenz ist Du Fu, chinesischer Dichter der Tang Zeit. Seine Texte finde ich beeindruckend und sie sind oft auch politisch (zum Beispiel "Five-Hundred Words about my Journey from the Capital to Feng-Hsien"), wobei man wahrscheinlich klären müsste, welchen Politikbegriff man der Diskussion hier zu Grunde legt. Es gibt noch einige Autoren mehr, die teils vor tausend Jahren geschrieben haben und Fragen (auch politischer Natur) berührt haben, die ich heute ohne Umwege verstehe und die mir moderner erscheinen als manch gut gemeintes, so genanntes politisches Gedicht. (Ein japanischer Autor in diesem Zusammenhang ist Sugawara no Michizane, 845 - 903.)

Juliane Lessing hat gesagt…

Verstehe ich die Frage(n) eventuell nicht? Gibt es gute Lyrik mit einer Botschaft? Und was kann politische Lyrik leisten? Das sind doch zwei unterschiedliche Paar Schuh.
Gute Lyrik mit einer Botschaft gibt es durchaus und ich sehe keinen Grund, weswegen diese nicht auch politisch sein sollte – ich würde sogar fast so weit gehen zu behaupten, politische Lyrik ist ein sehr wichtiger Bestandteil der Dichtkunst.
Was also kann sie leisten? - Ist die schwierigere Frage. Sie kann interessieren, berühren, Widerstand hervorrufen, Fragen aufwerfen, anregen... Das jedenfalls tut doch das zitierte Gedichte und ich habe es gern gelesen. Die „Leistung“ oder der Effekt politische Lyrik ist daher auch ein wenig an den Rezipienten geknüpft.
Aber tatsächlich wäre die Frage interessant, was du genau unter „politischer Lyrik“ verstehst.

Wolfgang hat gesagt…

stellt der Bloginhaber Heine, Hölderlin, Brecht und Enzensberger in Frage? Grass und Böll haben auch nie gefragt was ihre Texte nützen.
Oder soll es so kommen wie im Lied von Konstantin Wecker "Frieden im Land: die Zeiten stinken, und die Dichter schweigen."

m.s. hat gesagt…

mir will das nicht einleuchten, dieser ständige drang zu entpolitisieren. ganz abgesehen davon, dass schlichtweg alles politisch ist, ist es das gedicht doch auch dadurch, dass es sich einer konkreten verwertbarkeit entzieht, also der verwertung. mit so einem brecheisengedicht, das direkt sagt und sich so genau verortet (und sich gleichzeitig so sehr im recht befinden zu scheint), kann ich z.b. sehr wenig anfangen. aber das ist doch zu einfach, es sich so bequem zu machen.
und damit: "denn viel wichtiger als die Frage, ob sich ein Schriftstellerverband zu einem Bauprojekt äußern soll oder nicht, ist die, was wir mit unseren sprachlichen Mitteln leisten und bewirken können." ist es eben auch gesagt. wenn es nur um das bauprojekt geht, dann ist das doch kein großes ding, aber wenn man das ganze in die zusammenhänge - also den herrschenden zustand - stellt, dann ist das allerdings ein großes ding. und wer sich dem verweigert, der sitzt zumindest mit der hälfte seiner vier buchstaben im elfenbeinturm. und was man mit den sprachlichen mitteln bewirken kann? äußern, man kann sich äußern.
lieber matthias, dein politikbegriff, der würde mich wirklich mal interessieren.