Donnerstag, 25. November 2010

Volker Demuth - Lapidarium

Ein Dichter sei ein „unendlich komplexes oszillierendes Gedankending“, schreibt Hugo von Hofmannsthal im Jahre 1907, und vielleicht findet man darum nur noch selten Autoren, auf die die Bezeichnung „Dichter“ wirklich zutrifft. Volker Demuth ist einer der wenigen Dichter des 21. Jahrhunderts; einer, der das kommunikative Medienzeitalter mit epischem Auge erfasst und mit lyrischer Hand verfasst. Demuth, Jahrgang1960, lebt seit vielen Jahren sowohl in einem kleinen Dorf auf der schwäbischen Alb, als auch in der Hauptstadt Berlin und kennt beide Atmosphären im Detail. Er hat sich als Medienhistoriker und -theoretiker mit der Kultur- und Medienlandschaft intensiv auseinander gesetzt und fängt in seinen Gedichten den Geist der Natur wie auch der Medienwelt ein.
Er legt dem Leser eine feine Spur durch die wüsten Örtlichkeiten unserer Gegenwart: „Rau wechselwarm/lag mein Erstland im Sperrgebiet der Undinge/ein fahriger Echsenrücken zwischen/Stadtrand und Schilfgürtel“.
Der Komplexität der Medienwelt setzt Demuth Gedichte entgegen, die leicht und frei, ihr Wissen verbergen und zum delikaten Kommentar eines Zeitgenossen werden. Dabei fließt sehr viel Weltliches mit in diese Gedichte ein: Mythologische Geschichten, Bilderwelten, Literatur, Pop und Politik.
Demuth erobert dabei das Langgedicht zurück, das einen längeren Weg und Atemzug zu beschreiben vermag. Jeder poetische Gang ist ein Tritt über die Schwelle, jeder Streifzug auch ein freudiger Sprung in die Luft. Die Gedichte unterziehen unsere Jetztzeit einer archäologischen Prüfung. Sie sind sehr nah am Geschehen und verfügen über einen Blick, der Jahre vorausschaut, zugleich aber um Vergangenes und das Vergehen weiß. „Lapidarium“ zeigt die höchste Form der Poesie, die die jeden angeht, weil sie von allem weiß, und doch darüber hinaus strebt, zum Einfachen hin:„für wen es nach Vergessen riecht/dem warmen Schal eines Feigenbaums auf jenem/ Stück Sinnlosigkeit das Milchschafe abweiden/überwacht von Wiederholungen wie alle Friedhöfe/und künstliche Blumen unsere Körper hängen/an kurzen Schlussformeln.“ (Swantje Lichtenstein)

Volker Demuth: Lapidarium, Weilerswist: Verlag Ralf Liebe 2010.
Link zum Buch beim Verlag

Merci, Swantje für die Überlassung der Rezension, die vor einigen Tagen erstmals in der Stuttgarter Zeitung zu lesen war.

Swantje Lichtenstein beim Poetenladen

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