Dienstag, 28. Dezember 2010

Gedicht des Tages - Hellmuth Opitz

Gibt es eine merkwürdigere Zeit als die "zwischen den Jahren"? Eine Zeit, in der die Tage noch nicht länger werden, aber die Hoffnung groß ist? Es ist das einzige Gedicht, das ich kenne, das sich mit dieser Zeit auseinandersetzt (wer andere kennt, möge sich bitte melden!), danke an Hellmuth Opitz, der zu meinen persönlichen Dichter-Top-5 gehört!


Die Zeit zwischen den Jahren

Tage, die nicht leben wollen und nicht sterben,
die zerrieben werden zwischen Bäuchen und Bräuchen,
die letzten Krümel Licht in den Auslagen früher Nachmittage,
enttäuschte Gesichter, vom Umtausch ausgeschlossen,
Tage, in denen Einkaufswagen herumstehen, die niemand
zurückbringt, der Bahnhofsvorplatz ein Teller Milchreis
mit Zimt, die Streufahrzeuge kommen kaum durch, Tage,
aus denen jede Erwartung, jeder Glanz gewichen ist,
die letzten Fäden Lametta in den Zweigen der ersten
entsorgten Tannenbäume, Tage in Auflösung, wie alles
sich auflöst, was niemand gehört, abgerissene Zeit,
gegen die nichts hilft, nur der Trost von Berber Relax,
dem türkischen Friseursalon, aus dem jetzt gerade
einer auf die Straße tritt, zehn Jahre jünger,
den Nacken ausrasiert, die Zierleiste der Bartstoppeln
exakt geschnitten, tritt er hinaus, ein wenig Ordnung
in die Wildnis zu tragen und als er den Mantelkragen
hochschlägt, dreht er sich um, wirft einen Blick zurück
auf den Mann, der er eben noch war.


Website von Hellmuth Opitz
Der Südkurier über eine Lesung von Opitz in Konstanz

Keine Kommentare: