Donnerstag, 9. Dezember 2010

Gedicht des Tages - Rolf Hermann

Wer als Stadtschreiber nach Tübingen eingeladen wird, hat einen einmaligen Blick, nämlich auf den Friedhof. Dieser Tage geht die "Amtszeit" von Rolf Hermann zuende. Er schrieb mir, dass er während dieser Zeit seinen zweiten Gedichtband "Kurze Chronik einer Bruchlandung" fertigstellen konnte. Wenn ich nicht genau wüßte, dass die Lyrik von Rolf Hermann ihre Qualität hat, hätte ich ihm von dem Titel abgeraten, er wäre ein gefundenes Fressen für Kritiker, die einen Verriss im Sinn haben. Im Gegenteil, ich gehe davon aus, dass Rolf mit diesem zweiten Band endlich den Durchbruch schaffen wird. Ein Gedicht, das während der Tübinger Zeit entstanden ist und erst im dritten Band vertreten sein wird, sandte er mir heute. Merci, Rolf!


ich wohne am friedhof

wieso habe ich diese gedichte nicht schon früher gelesen
in denen tübingen der endlichkeit ein bein stellt
& die dämmerung als bettler verkleidet
auf der stiege liegt weil in der hafengasse
ein paar ernste studenten gelbe zettel verteilen
über den sinn und unsinn des menschlichen lebens
fast schon theologisch lege ich einen kiesel in den mund
& stapfe in friedhofsschuhen durch den weinberg

in gedanken wohne ich nur noch selten in mir
sondern starre auf das frisch angelegte grab
fünf Meter vom Küchenfenster entfernt
& über die zunge rollt der kiesel
& darüber rollen tief die wolken
& irgendwo rollt ausgeknipst die sonn'


Website Rolf Hermann

Keine Kommentare: