Samstag, 18. Dezember 2010

Gedicht des Tages - Timo Berger

Mein Ehrenamt frisst mich bald auf. Und dann noch drei tote Kollegen in vier Wochen (W.H. Fritz, Pfisterer und Pit Chotjewitz, der übrigens am Ende seines Lebens nur noch Gedichte schrieb, Dreizeiler, für mehr reichte wohl die Kraft nicht).
Aber zurück zu den Lebenden. Ganz raffiniert ist Timo Berger. Er sandte mir ein Gedicht für mein Blog und widmete es mir gleich. Wäre es allerdings ein schlechter Text, hätte ihm das nichts genützt, ich hätte es gnadenlos gelöscht. Das Gedicht passt auf seine eigene Weise in meine Dezember-Rubrik. Danke, Timo.


Kritik und Selbst
für Matthias Kehle


Ich stehe vor dem Tribunal
meiner Henker. Zuerst gibt es
Geschenke. Dann Piccolo
auf Ex. Man scherzt. Kommentiert

das Klima. Die Protuberanzen
des Sonnenfeuers, das immer heißer
wird, ich bezichtige mich: ich
habe den Roten Riesen zu Fall

gebracht, mit Ameisen Sex gehabt
Fehlwürfe in der Biotonne unten
im Hof höre ich das diabolische Lachen
des Vermieters, er hat Zahn

fleischbluten und schleicht um
das Stadtteilbüro der Jungen Union
die Gala der Freundinnen des Hauses
nickt Kritik ab und Selbst

Gewehr bei Fuß, mein sonst
tauglicher Bruder mit dem
flinken Auge, Ausführgehilfe
der nach der Tat über die Straßen

jagt. Ich stehe vor dem Urinal
meiner Träume, nackt unter der Pelz-
mütze, reihum platzen die Fenster-
scheiben, effekthascherisch

wie das arktische Eis, jemand
klopft im Gebirge Gold aus
Granit. Ich will mit, wenn
ihr das Thermostat verstellt

In Ausschüssen wird meine
Rehabilitation geheim
diskutiert. Ich mache Vorschläge
zur Reduktion und gebe mich

geläutert. Eine Quallenpopulation
im fernen Palau hat sich über-
raschend erholt. Ich nehme es
auf meine Kappe und punkte.



Timo Berger im Poetenladen

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