Mittwoch, 5. Januar 2011

Oh glückliches Haselland

Wieder hat ein Journalist nicht recherchiert, sondern wiedergekäut, wieder glaubt ein wenig talentierter Amateur, er sei ein großer Dichter. Bei der "Hessisch Niedersächsischen Allgemeinen Zeitung" hatte ich schon gelegentlich journalistische Zweifel...

"Ein kleines Gedicht geht auf große Reise", so die HNA, "und macht das Dorf Weißenhasel in der weiten Welt bekannt. 'O glückliches Haselland' - so hat (der Autor) sein Gedicht über das neu gestaltete Dorfgemeinschaftshaus im größten Nentershäuser Ortsteil überschrieben.
Und dieses Gedicht ist bei einem Wettbewerb der renommierten Brentano-Gesellschaft in Frankfurt zur weltweiten Veröffentlichung angenommen worden.
Jetzt steht das kleine Werk der Dichtkunst im Jahrbuch 2010 der Frankfurter Bibliothek des zeitgenössischen Gedichts. Das ist ein Standardwerk neuer Lyrik. 'Dieses Jahrbuch wird in den bedeutendsten Biblotheken der Welt zum Lesen und Ausleihen angeboten, zum Beispiel in Wien, Paris oder Washington', freut sich (der) Autor (...)

Die Veröffentlichung in dem Jahrbuch ist für (den Autor) die erste in einem Buch. Ein paar Kurzgeschichten hat er bereits im Kurier des Tischtennisvereins abgedruckt. Nach dem Tischtennisspielen ist das Schreiben seine zweite große Leidenschaft. Schon bei seiner Einschulung konnte er Lesen und Schreiben. Auch die Zeitung las er damals schon gern. 'Am liebsten suchte ich Druckfehler', erzählt er und lacht. In der dritten und vierten Klasse half er dem Lehrer bei der Korrektur von Klassenarbeiten, wenn der in der Gaststätte am Abend vorher mal einen über den Durst getrunken hatte. Die Gaststätte betrieben seine Eltern."

Ja, ich will unbedingt mehr lesen!

Wie gut, dass Weißenhasel der weiten Welt weiterhin verborgen bleiben wird, wie schön, dass dieses kleine Meisterwerk der Dichtkunst nun dank dieses Blogs doch einige hundert amüsierte Leser finden wird!
Wikipedia klärt auf!

Kommentare:

MelusineB hat gesagt…

Das ist wirklich großartig:

"Im Ort gibt es ein Dorfgemeinschaftshaus und einen Friedhof."

richard duraj hat gesagt…

ja, das gedicht ist auf seine amüsant und unterhält, vielleicht mitunter auch unfreiwillig.
dieser gehässige post hingegen widert nur an, genau wie "lustiges zum jahreswechsel".

wir kappieren es langsam. die etablierten schriftsteller sind potenter, können länger und besser und haben im allgemeinen immer den größeren.

Matthias Kehle hat gesagt…

Die beiden Blogeinträge mögen "gehässig" sein, doch hier geht es um Aufklärung.
Siehe:
http://www.aktionsbuendnis-faire-verlage.com/web/

Und noch was, liber Richard Duraj: Ich kann ewig, bin besser und habe den Größten.

manuel hat gesagt…

r. braucht zwar keine schützenhilfe, aber mir wird - wie ihm - auch übel, wenn ich das hier lese.
matthias, dass es mitnichten um aufklärung geht, sondern das reine gehässigkeit motivation war, das zeigt alleine schon, dass im beitrag kein verweis und keine anmerkung zu irgendeiner "aufklärung" zu finden sind, kein wort warum das also vermeintlich so falsch ist, was da geschieht. nur ein, aus der luft gegriffener, schlichtweg boshafter vorwurf: "wieder glaubt ein wenig talentierter Amateur, er sei ein großer Dichter."

Matthias Kehle hat gesagt…

Sowohl der Zeitungsartikel als auch das Gedicht: Beide Texte sind doch derart unfreiwillig komisch! Hinter diesem Gedicht MUSS man einen wenig talentierten Autor vermuten, ich bitte Euch! Das hat mit Gehässigkeit nichts zu tun, das ist allenfalls süffisant.

richard duraj hat gesagt…

na, da muss jemand wohl seinen kant nochmal lesen. aufklärung ist es wohl weniger, wenn man den schnellen lacher über eine mögliche naivität sucht.
aufklärung wäre es wohl eher, den fokus auf die entsprechenden verlage, die dahinter stehenden personen und ihr literatur- und kapitalismusverständnis zu richten, mechanismen in der gesellschaft (im betrieb) zu hinterfragen, die solchen missbrauch von naiven schreibenden ermöglichen, statt über fehlendes talent zu kichern.

da hat jemand spaß an der sprache und den wunsch, veröffentlicht zu sein. kennen wir das nicht irgendwoher? oder erinnerst du dich nicht mehr, wie es war, als dich keiner las, du zur orientierung nur deine meinung hattest, später die überbordernde freude über den ersten gedruckten text, der glaube, dass das etwas zu bedeuten hat, erst danach das langsame wiederfinden eines vernünfitgen maßstabs? denn was dich und mich vom hasellanddichter unterscheidet, ist nur der zeitpunkt, an dem uns die irrelevanz unserer schreibe für die literaturgeschichte in the long run vor augen geführt wird.

und: süffisanz und gehässigkeit sind nicht exklusiv, denke ich, und das erste kann eine folge des zweiten sein oder umgekehrt.
also einfach mal ein bisschen relaxter, werter kehle; ich mein, es ist nur lyrik.

Matthias Kehle hat gesagt…

Ein Unterschied ist auch der, dass ich als Jungdichter nicht veröffentlichungsgeil war, sondern mich erstmal informiert habe darüber, wer wo was veröffentlicht. Deshalb hatte ich meine erste Veröffentlichung auch nicht bei irgendeiner Frankfurter Verlagsgruppe, sondern in Am Erker.

Ach so, es ist ja nur Lyrik? Na, dann kann ich dieses Blog ja gleich sein lassen und mich dem Geldverdienen und Bergsteigen widmen.

richard duraj hat gesagt…

ja, koenntest du. oder etwa nicht?