Samstag, 12. Februar 2011

Gedicht des Tages - Rolf Hermann

Im letzten Jahr war er Stadtschreiber in Tübingen, beim "Poesiefestival" in Konstanz las er, und dennoch ist er in "der Szene" noch weitgehend unbekannt. Das ändert sich hoffentlich, wenn demnächst Rolf Hermanns zweiter Gedichtband "Kurze Chronik einer Bruchlandung" erscheint, aus dem ich Mühe hatte, einen einzigen Text auszuwählen. Zu gut, zu eigensinnig sind diese Gedichte voller melancholischem Witz und dem Charme eines Autors, der im Wallis Schafe hütete, in Tübingen gegenüber dem Friedhof residierte und von Natur ebensoviel weiß wie von ihrem Verschwinden. Höchst sympathisch ist mir das ausgewählte Gedicht, weil endlich mal jemand "Kein Haiku" schreibt. Merci, Rolf!


Kein Haiku

Draussen das Düsentriebwerk hier die Schilder der
Eingang der Andachtstraum der Fluchtweg nach
Abflug mit Sauerstoffmaske auf 10'000 M. ü. M.
wenn der Rotwein in Strömen durch die Kehle
fliesst as your captain I would like to inform you
how thrilling it is to have you on board and I hope
you are equally thrilled to be on board worauf
mein Nachbar voller Begeisterung zwei präparierte
Elsternbeine in einen Glasbehälter legt und mich
ermutigt ein Haiku zu schreiben über das Summen
in luftleeren Räumen jedenfalls Kreisbewegungen
am Gewitterhimmel flimmernde Wolkengebilde
ein sinnloser Spielfilm der über die Netzhaut huscht
ach alles was ich jetzt brauche ist ein Floss aus
Tempelbäumen das mich sicher durch die Fluten trägt

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