Mittwoch, 31. August 2011

Porträt Stan Lafleur















Badische Neueste Nachrichten, 17. August 2011


Poetry-Slams, Spoken-Word-Shows, Open-Mike-Wettbewerbe – heute ist das in der Literaturszene selbstverständlich. Einer der ersten, die in Deutschland solche neuen Formen gesprochener Literatur ausprobierten, war Stan Lafleur. „Ich kannte anfangs keine Literaturzeitschrift und keinen relevanten Verlag, also blieb mir nur der mündliche Vortrag.“ Dieser war von Anfang an expressiv bis aggressiv und vor allem oft von Musikern begleitet. Einer seiner ersten Auftritte hatte der 1968 in Karlsruhe geborene Lyriker Anfang der neunziger Jahre im Tempel. Er führte eine Art „Sprechoper“ auf, die Reaktion der heimatlichen Literaturszene blieb verhalten, auch wenn der Auftritt sich deutlich von den für ihn langweiligen Wasserglaslesungen bekannter Autoren unterschied.
Stan Lafleur versuchte sein Glück in Düsseldorf und Köln, wo er unter anderem Germanistik und Romanistik studierte. „Schade, dass es damals noch nicht die Möglichkeit gab, Literatur zu studieren.“ Erst seit dem Fall der Mauer gibt es die Schreibakademien in ganz Deutschland, und so eignete sich Stan Lafleur sämtliche Schreib- und Vortragstechniken selbst an.

Es ist zwanzig Jahre her, in Düsseldorf trafen sich junge Dichter, zogen mit ihren avantgardistischen Texten durch Bars, Kneipen und Clubs, aber organisierten auch wöchentliche Zirkel, bei denen sie sich gegenseitig ihre Texte vorlasen und „Wirkweisen ausprobierten“. „Ich bin mit einem Demo-Tape und einem Konzept zum Düsseldorfer Literaturbüro, doch dort bekam ich zu hören, es sei keine Literatur, wenn es mit Musik ist.“ Bei den etablierten Häusern und Verlagen scheiterte damals die „Underground-Literatur“ kläglich, doch gerade im Köln-Düsseldorfer Umfeld entwickelte sich zeitgleich und unabhängig voneinander ein Boom an „Spoken-Word-Literatur“. Der „Exil-Karlsruher“ war einer der Protagonisten dieser Szene und gründete 1997 nach dem Vorbild der Londoner „Speaker's Corner“ die „Kölner Sprechecke“, die alsbald zu einem literarischen Event avancierte. Viele Jahre betreute Stan Lafleur diese Kult-Veranstaltung, heute steht an dieser Stelle sogar ein kleines Sandsteindenkmal, auf dem die Akteure stehen.
Vierzehn Gedicht- und Kurzproabände hat Stan Lafleur inzwischen publiziert, alle in kleinen Verlagen, die in der Szene klingende Namen haben. Bekannt wurde Lafleur mit seinen Fußballgedichten, erschienen 2006 anläßlich der Fußball-WM in Deutschland, wunderbar ironische Porträts von Spielern und Spielpositionen inclusive Halbzeitpause und Daumenkino. „Fußballgedichte habe ich schon immer geschrieben und so lag es nahe, daraus einen Band zu machen.“ Zwar liegt vielen Schriftstellern und Dichtern das Thema „Fußball“ nahe, doch ein ganzer Band mit Fußball-Gedichten gibt es nur von sehr wenigen Dichtern, darunter eben Stan Lafleur („die welt auf dem fusz“).
Seit zweieinhalb Jahren nun betreibt Stan Lafleur ein „Großprojekt“ im Netz. Es ist ein literarisches Weblog zum Thema „Rhein“ unter dem Titel „rheinsein.de“. Gut tausend Druckseiten umfasst diese Sammlung von Geschichten, Gedichten, Dokumenten, Anekdoten, Bildern rund um den literarisch wichtigsten deutschen Fluss. „Anfangs waren es Arbeitsnotizen zu einem Verswerk, das ich vielleicht in zwanzig, dreißig Jahren fertigstelle“, lacht er, „im Laufe der Zeit hat sich rheinsein verselbständigt.“ Inzwischen sei dieses elektronische Museum die wohl größte zusammenhängende virtuelle Sammlung zum diesem Thema, so Lafleur. Einige Elemente hat er für Shows oder Hörspiele verwendet, aber auch ein Gedichtband ist zum Thema „Rhein“ erschienen. „Es ist eine neue Art öffentlichen Schreibens und Sammelns von Fremdtexten“, sagt Lafleur, der schon immer „literarische Experimente mit offenem Ausgang“ betrieben hat. Stan Lafleur hat schon immer am Rhein gelebt, sei es in Karlsruhe, Köln oder Düsseldorf, er sieht den Fluss als „wunderbares Meditationsobjekt“, das schon lange nicht mehr im Mittelpunkt eines größeren literarischen Werkes stand. Lafleur zieht es immer wieder in seine Heimatstadt, was einige seiner Gedichte illustrieren. Nicht zuletzt war es Stan Lafleur, der die inzwischen legendäre „Lesung Süd“-Reihe im Kohi im Jahr 2009 eröffnete und damit gleich Maßstäbe setzte, sowohl mit seinem ureigenen „Sound“ im besten und eigentlichen Sinn des Wortes als auch mit seiner Vortragsweise. „Vortragsweise“ natürlich in Anführungszeichen. Matthias Kehle

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