Mittwoch, 19. Oktober 2011

3. Karlsruher Lesenacht

Aus Freiburg, aus Straßburg, aus Berlin, aus Innsbruck kamen die Autoren, die bei der "Dritten Karlsruher Lesenacht" zum Abschluß des Prinz-Max-Palais-Festes lasen. Aus Karlsruhes Partnerstadt Temeswar ist Ondine Dietz gekommen, das ist schon einige Jahre her. Seit 1992 lebt sie in Deutschland, seit einiger Zeit gehört sie zur Karlsruher Kulturszene und doch scheint sie ihre alte Heimat nicht loszulassen, legt sich der dunkle Schatten der Ceausescu-Diktatur wie ein Albdruck auf ihre intensive, bilderstarke Prosa. Als Klein-Wien, als südöstliches St. Petersburg schildert sie ihre frühere Heimatstadt, vergleicht sie mit Venedig. Aber mag man in einer Stadt leben, deren Gewässer aus Tränen und Sperma bestehen, das nicht von Frauenleibern aufgefangen wurde, wie sie schreibt? Von Gewalt und sexueller Rivalität geprägt ist die bedrückende Mutter-Tochter-Geschichte, die sie danach las. Dass dabei eine weiße Unterhose zum umkämpften Objekt der Begierde wird, könnte fast schon komisch sein, aber so wie Ondine Dietz schreibt und liest, ist es einfach nur todtraurig. Das ist unbestreitbar Literatur, ob es aber der ideale Auftakt für eine lange Lesenacht ist, darüber läßt sich streiten. Der junge Ben Atréu Flegel, der nach Ondine Dietz an der Reihe war, Scheffelpreisträger des Jahres 2009, hatte es jedenfalls schwer sich zu behaupten mit seinen etwas gravitätisch daherkommenden Gedichten, die zusammen eine ganze Liebesgeschichte ergeben. Aus den ganzen Fundus abendländischer Kultur von Catull bis zu „Die Toten Hosen“ schöpft der Innsbrucker Christoph Bauer in seinem Gedichtband „mein lieben mein hassen mein mittendrin du“, wobei sich die Bilderfülle und der Anspielungsreichtum beim ersten Hören kaum erschließt. Das war insgesamt das Problem bei dem ambitionierten literarischen Angebot an diesem Abend, das dem zahlreich erschienenen Publikum im U-Max, der ehemaligen Spielstätte der Kinemathek, doch harte Nüsse zu knacken gab. Auch die Lyrik von Florian Voss, eines Ex-Karlsruhers, der mittlerweile in Berlin lebt, fordert, auch wenn er gelegentlich leichtere, heitere Töne anzuschlagen versucht, mit ihren verschiedenen Stil- und Sprachebenen, mit ihren zum Teil surrealen Bildern, die ungeteilte Aufmerksamkeit des Zuhörers, der gerade die etwas gedankenschweren Passagen aus dem Krimi „Geld Amok Aus“ zu verdauen hat, in der der Ex-Banker Horst Koch offenbar nicht nur die Finanzkrise, sondern auch eine existentielle Krise verarbeitet. Kaum weniger bedrückend als Dietz´ Mutter-Tochter-Geschichte ist die Mutter-Sohn-Geschichte, die im Mittelpunkt des noch unfertigen Romans von Martine Lombard steht, die in der Passage, die sie las, allerdings bemerkenswerten Gebrauch von der Topographie von Straßburg macht, der Stadt, in der sie lebt und arbeitet. Als wahrer Stimmungsaufheller erwies sich der Auftritt des Poetry-Slammers Simon Felix Geiger, dessen geflügelte Worte „Ich bin nicht arrogant/ Bin nur mir selbstbewusst/Dass ich mir selbst/Ich selbst sein muss“, vom Moderator des Abends, Matthias Walz, zitiert und dann sogar vom Publikum skandiert wurden, eher der Autor selbst seine wortspielerischen, zumeist gereimten Einsichten und Ansichten zum Besten gab. Es war eine Entlastung nach dem Übermaß an Schwerem, Schwermütigen und Schwerblütigen, das es davor zu hören gab. Mit den Auftritten von Marc Schuler, Kristof Rüter und Olaf Piecho schloß die 3. Karlsruher Lesenacht.
Peter Kohl

(aus: Badische Neueste Nachrichten, 17. Oktober 2011, danke peko)

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