Donnerstag, 26. Januar 2012

Jan Wagner las in Karlsruhe

Aus: Badische Neueste Nachrichten, 25. Januar 2012 (danke Peter Kohl!):


„Jan Wagners Gedichte überzeugen dadurch, dass sie Wahrnehmung und Einbildungskraft miteinander verbinden. Sie verzichten auf ausladende Gesten, bevorzugen statt dessen den eher unauffälligen Wink. Ihre Energie liegt in ihrer Zurückhaltung. Es gelingt ihnen, Stille zugleich zu brechen und zu bewahren.“ Das sagte vor elf Jahren der mittlerweile verstorbene Karlsruher Lyriker Walter Helmut Fritz in seiner Laudatio auf Jan Wagner anlässlich der Verleihung des Förderpreises zum Hermann Hesse-Preise. Da hatte Wagner gerade mal einen Gedichtband vorgelegt, „Probebohrung im Himmel“, drei weitere Gedichtbände sollten folgen und noch weit mehr Literaturpreise, darunter so hochkarätige wie der Friedrich-Hölderlin-Preis und der Kranichsteiner Literaturpreis. Gerade zurückgekehrt von einem Stipendiumsaufenthalt in der Villa Massimo in Rom las Jan Wagner in der Reihe „Literatur im Blauen Salon“ an der Hochschule für Gestaltung (HfG), gab Kostproben seiner Kunst, die durchaus auch eine kulinarische Note hat. In seinem Band „18 Pasteten“ bedichtet er, inspiriert von einer Stelle in den berühmten Tagebüchern von Samuel Pepys, die titelgebenden Köstlichkeiten , von der deftigen Fleischpastete bis zur abschließenden süßen Quittenpastete. Mit „ausgebeulten Lampions“ vergleicht Wagner die Quitten und macht einem mit den Schlußversen den Mund wässrig: „ihr gelee, in bauchigen gläsern für die/dunklen tage in den regalen aufge-/reiht, in einem kellern von tagen, wo sie/leuchteten, leuchten.“ Jan Wagner, der seine Gedichte mit fester, wohltönender Stimme zu Gehör bringt, ist ein poeta doctus, ein gelehrter, belesener Dichter, der tradierte Gedichtformen beherrscht, auch solche, die fast vergessen sind, wie die Sestine, der sich Anregungen aus der Geistes-und Kulturgeschichte holt, der reflektiert, was er macht, und das auch vermitteln kann. Dabei wirken seine Gedichte nie hermetisch, sie laden den Leser und Zuhörer zum Staunen ein, das nach Wagners Auffassung am Anfang jedes Gedichts steht. Und manchmal blitzt auch Ironie und Witz im Werk des Wortvirtuosen auf wie im Gedicht von dem Gärtner, der einen Buchsbaum zum Panorama einer Stadt zurechtschneidet, in dem er schließlich selbst verschwindet, oder im Haiku auf einen Teebeutel. Von Melancholie kaum eine Spur.
Peter Kohl

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