Sonntag, 12. Februar 2012

Marion Poschmann las in Karlsruhe

Mit einer Woche Verspätung, da wir eine Woche auf Lanzarote waren, mein Artikel zur Lesung von Marion Poschmann in Karlsruhe (am 31. Januar im Literaturhaus). Der Beitrag war am 2. Februar in den "Badischen Neuesten Nachrichten" zu lesen:

Altkanzler Schmidt sagte einmal, wer Visionen habe sollte zum Arzt gehen. Oder aber Dichter werden, könnte man ihm entgegenhalten, jedoch zielte Helmut Schmidts Polemik wohl nicht auf brillante Gedichtbände, wie „Geistersehen“ von Marion Poschmann einer ist. Im vergangenen Jahr erhielt sie dafür einen der bedeutendsten deutschen Lyrikpreise, den Peter-Huchel-Preis. Im gut besuchten Karlsruher Literaturhaus wurde sie nun von den Juroren Bettina Schulte und Hansgeorg Schmidt-Bergmann vorgestellt. „Exerzitien des Sehens“ nannte Schulte ihre Gedichte und wies gleichzeitig darauf hin, dass es nicht um die direkte, unmittelbare Wahrnehmung gehe. „Testbilder“ oder „Störbilder“ heißen etwa zwei der Kapitel. Störbilder kannte man in analogen Zeiten, wenn man während einer Fernsehsendung gleichzeitig eine weitere zu sehen bekam, unscharf, verrauscht und tonlos im Hintergrund störend. Marion Poschmann las ein entsprechendes Gedicht „unter Wolken“, auch hier legen sich Bilder unter andere Bilder: „hinaus in den Widerschein, zwischen fliehende Schatten,/ Schlafwalzen drehten sich tief durch die Pfützen“ - hier Wolken, da Pfützen, hier Schatten dort „die Rhythmen der Straßenbeleuchtung“.
Bettina Schulte zitierte aus ihrer Laudatio auf Marion Poschmann und verwies auf die strengen Kompositionen der Texte, gar zwei „richtige“ Sonette enthalte der Band. Im Gespräch sagte die Geehrte, es sei schwieriger, Gedichte in freien Formen zu schreiben als Sonette oder Oden. Eine vorgegebene Form einzuhalten sei vergleichbar mit dem Lösen von Kreuzworträtseln, ein freies Gedicht müsse seine Form quasi selbst begründen.
Die „Macht der Einbildungskraft“, so Schulte, verknüpfe den imaginären Raum der Dichtung, die Felder des Bewussten mit denen des Unbewussten, mit den Randbezirken des Wirklichen. Dazu gehören auch Erinnerungen, bei Poschmann sind es jene Erinnerungen an den Besuch von Badeanstalten in der Kindheit mit der Mutter. Man spürt sie förmlich, die Dampfschwaden „... ununterscheidbar vom/ weißen Mutterleib, der sich/ groß gab, eingedickt; Dampfgestalt,/ die mich atmete, die näher und näher kam, (…)/ Engel, Cumulonimbus, Cirrus, Stratus,/ inhalieren unstete Schemen (…).
Bei aller sprachlicher Virtuosität und intellektueller Konstruktion sind Poschmanns Gedichte von einer Leichtigkeit und sinnlichen Bildhaftigkeit, die in der deutschen Lyrik der jüngeren Generationen selten zu finden ist.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Sehr geehrter Herr Kehle,
als Ihr ehemaliger Verleger lese ich gerne Ihre Kolumnen, aber man liest kaum noch etwas. Warum?
Dr. phil. Bernhard Albers Rimbaud Verlag

Matthias Kehle hat gesagt…

Lieber Herr Albers,
das liegt ganz einfach daran, dass ich zu viele Baustellen, Ehrenämter und Projekte habe. So beschränke ich mich nur noch auf die Dokumentation dessen, was in meiner Heimatstadt und ihrer Umgebung in Sachen Lyrik passiert.