Dienstag, 22. Mai 2012

Gedicht des Tages - Jürgen Nendza

Egal, wie groß und weit das eigene lyrische Herz ist: Jeder hat seine Lieblingsdichter. Wenn wir bei den lebenden Lyrikern bleiben, gehört bei mir dazu neben Walle Sayer, Hellmuth Opitz oder Andreas Altmann auch Jürgen Nendza. Er hat eine ganz eigene, sehr bildhafte Sprache mit einem bestimmbaren Repertoire an Vokabeln entwickelt, die sehr eindrückliche Bilder generieren.
Nun ist beim Poetenladen ein wunderbarer neuer Gedichtband erschienen. Wunderbar auch optisch und haptisch. Nur wenige Verlag in Deutschland erlauben sich noch gebundene Gedichtbände mit Schutzumschlag und aufwändiger grafischer Gestaltung. Ich gebe zu, ich mag die aus der Not geborenen einfachen Broschur-Bändchen, die mir regelmäßig auf den Schreibtisch flattern, nicht sehr, weiß aber, dass äußere Form und Inhalt in diesen Fällen nicht korrespondieren.
Jürgen Nendza hat mir ein Gedicht aus seinem Band "Apfel und Amsel" zur Verfügung gestellt, herzlichen Dank!

Die Wimpern knistern, dein Blick treibt unter
dünnem Eis: Das Tageslicht hockt über uns.

Wir stehen auf und niemand weiß, welches Gesicht
mit ihm erwacht. Das Fenster ist ein großer Garten,

das Stille öffnet in der Luft und Schlaf
glüht nach, ist warm, ist eingefärbt mit Äpfeln.

Der Morgen dreht sich mit der Erde und eine Amsel
hüpft durch deinen ersten Satz: So wächst Vertrauen

in die Wiederholung, die dich vergisst. Das Licht
bedeutet wir sind wach. Wir stehen auf: Die Zeit ist

unerreichbar zwischen Atemzügen. Und dieses Tasten
nach  der Hand, wenn die Sätze sich verlaufen.


(c) Poetenladen-Verlag

Aus: Jürgen Nendza; Apfel und Amsel, Gedichte, 76 Seiten.

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