Donnerstag, 6. September 2012

Nora Bossong las in Karlsruhe

(aus: Badische Neueste Nachrichten, 5. September 2012):

Spröde, sehr spröde ist Nora Bossongs Roman „Gesellschaft mit beschränkter Haftung“. Zumindest jene Passagen, die sie bei der 29. „Lesung Süd“ im Kulturraum Kohi las. Es klang, als seien sie einem Sachbuch über Wirtschaft oder einer Industriellen-Biografie entnommen. Das ist insofern naheliegend, als dass die aktuelle Peter-Huchel-Preisträgerin einen Roman geschrieben hat über den Aufstieg und Fall eines Familienunternehmens, das mit Frottee-Handtüchern weltumspannende Geschäfte macht. Im Zentrum der Lesung steht Kurt Tietjen, ein inzwischen alt gewordener Unternehmer, der in New York eine letzte Zuflucht nach einem getriebenen Leben sucht. Seine Tochter Luise, 27 Jahre alt, soll seine Firma erben, „Jahresumsatz 38 Millionen Euro, Umsatzentwicklung minus 2,7%“, sprich die Firma „Tietjen und Söhne“ ist auf dem absteigenden Ast. Zwischendurch berichtet Nora Bossong vom Firmengründer am Anfang des 20. Jahrhunderts. Auch das klingt wie eine nüchterne Reportage aus dem „Handelsblatt“. Entsprechend blass bleiben alle drei Figuren, was allerdings an Bossongs etwas unglücklicher Text-Auswahl gelegen haben mochte, mehr noch, an ihrer kühlen und distanzierten Vortragsweise. Aufschlussreich indessen war die Selbstauskunft der 30-jährigen Autorin, die in Essen, New York und in China gelebt hat und deshalb wie selbstverständlich auch über die drei Handlungsorte schreiben kann. Es sei ihr darum gegangen zu erzählen, wie sich das Verhältnis von Wirtschaft und Moral verändere und gleichzeitig von einer jungen Frau, die einerseits versucht, ihren eigenen Weg zu gehen und dabei Familie und Firma zusammen zu halten. Sogar zur europäischen Schuldenkrise hat die Lyrikerin und Erzählerin etwas zu sagen: Wir seien weltweit eine „Gesellschaft mit beschränkter Haftung“. Immer solle der jeweils andere haften, nur nicht die Gruppe, der man gerade selbst angehöre. Die Griechen wollten, dass die Europäer haften, die Deutschen jedoch nicht für die Griechen. Ob das alles so einfach ist? maske

P.S. Besprechungen von Veranstaltungen dürfen bei den BNN nur noch maximal 2000 Zeichen umfassen...

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