Samstag, 6. Oktober 2012

Lyrikmatinee im Karlsruher Literaturhaus

Vergangenen Sonntag endeten die Baden-Württembergischen Literaturtage 2012 in Karlsruhe. Zum Abschluss lasen fünf Lyriker. Peter Kohl rezensierte die Veranstaltung für die "Badischen Neuesten Nachrichten". Danke an "peko" für Überlassung des Textes:

Nicht weniger als fünf Lyriker auf einmal bot die Literarische Gesellschaft in einer Sonntagsmatinee zum Finale der Baden-Württembergischen Literaturtage . Es war im Endeffekt wohl etwas zuviel des Guten. So lichteten sich die recht gut besetzten Reihen im Literaturhaus im Prinz-Max-Palais in der Pause nach den ersten drei Auftritten doch merklich, was aber weder mit der Qualität des bis dahin Gebotenen noch mit der Qualität der noch kommenden beiden Autoren zu tun hatte. Nach mehr als einer Stunde durchaus nicht leicht zugänglicher, manchmal auch schwerer literarischer Kost kommt der Rezipient schlicht und einfach an die Grenzen seines Fassungsvermögens, verwischen sich in der Wahrnehmung die Grenzen zwischen Wortkunst und Wortgeklingel. Wenig Worte macht Matthias Kehle in seinem neuen Lyrikband „Scherbenballett“ und doch wirken seine lakonischen Gedichte welthaltiger als die seiner Mitlesenden an diesem Morgen. In einer banalen Szene („Du winkst mir und eine S-Bahn/kratzt in die Kurve über-/fährt ein Anzeigenblatt“) scheint die Poesie des Alltags auf, in einem Gedicht über den Großvater („Nichts weiß ich vom/Großvater Scharfschütze/sei er im Krieg gewesen/Einmal zeigte er auf einen Haubentaucher im Zoo/und sagte Peng) gleich ein ganzes Leben, eingedampft auf ein Substrat in der Erinnerung des Enkels. Das ist eine reife Leistung von Matthias Kehle, der zu Beginn seiner Lesung halb wehmütig, halb stolz auf die Anfänge seiner literarischen Karriere zurückblickte. Nicht weniger als „eine Innenansicht des Wesentlichen“ wollen dieProsapoeme von Walle Sayer bieten. Sayer, mit 52 Jahren der Älteste in der Runde, hält in seinen fein gesponnen Miniaturen Momente der Kindheit, flüchtige Eindrücke von Landschaften und Begegnungen fest, öffnet Türen zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Es braucht wohl Zeit um diese Fragmente zu erfassen, die selbst Zeit zu bannen versuchen. Beim einmaligen Hören bleibt vieles verschlossen wie auch der Eingang zum „Wisperzimmer“, so lautet der Titel des Gedichtbandes von Marie T. Martin, die aber gleich zu Beginn ihrer Lesung anmerkte, es handele es dabei nicht um ein reales Zimmer, sondern um einen Echoraum der Gefühle und Gedanken. Nicht immer verfängt die Magie ihrer „neuzeitlicher Zaubersprüche“, wie es in der Ankündigung heißt, aber einige ihrer Bilder sind dann doch frappierend und bezaubernd. Mit gesuchten Worten wie „Sehnsuchtswinde“, „Papiertütengeflüster“. „Gefühlswellen“ und „Schattenleuchten“ prunken die Poeme von S.F.Ahrens , der sich zuweilen auf einem schmalen Grat zwischen Kitsch und Kunst bewegt, die gelungensten Verse aus seinem Gedichtzyklus „Septemberkarst“ würden allerdings jeder Lyrikanthologie gut zu Gesicht stehen. Swantje Lichtenstein, im Hauptberuf Literaturprofessorin an der Fachhochschule Düsseldorf, schickte ihren „Sexophismen“ gleich voraus, dass sie nicht nur rational, sondern auch mit dem ganzen Körper erfasst sein wollen. Tatsächlich ist ihr Gedichtband „Entlang der lebendigen Linie“ ein Buch mit sieben Siegeln, dass sich wohl erst nach einem Seminar bei Prof. Lichtenstein erschließt. Von einer „poeta docta“ sprach José F. Oliver. Der Lyriker führte als Moderator durch den Morgen, in der ihm eigenen sanften, aber immer auch etwas abgehobenen Art. Etwas weniger gewichtige Worte und Weihestimmung wären für den Abbau von Schwellenängsten gegenüber moderner Lyrik hilfreich.

1 Kommentar:

Florian Voß hat gesagt…

Swantje weihevoll? Nee, oder?